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„Melissa stellt sich wieder an. Wegen dem bisschen Knieschmerzen ein solches Theater. Die soll einfach Gas geben und die Zähne zusammenbeissen.“ Die Aussage von Melissas Vater löste bei mir nur Kopfschütteln aus. Ist sie nur ein Objekt, das funktionieren muss?

Überrascht hat er mich mit der Frage: „Kann ich meine Tochter Melissa bei dir für einen Termin anmelden? Sie kämpft seit vier Monaten mit Knieproblemen und die Ärzte finden keine Ursache dafür. Wenn sie mental stärker wird, kann sie sicher besser mit solchen Lappalien umgehen.“

Ich dachte mir: Tickt der noch richtig? Der kann doch die Verletzung nicht einfach als Lappalie abstempeln. Ein wenig Symptombekämpfung, dann geht’s wieder. Das kann ja heiter werden.

„Ich mache mit deiner Tochter gerne einen Termin aus. Jedoch nur, wenn sie das selbst will.“

Mit dieser Antwort hat er nicht gerechnet. Mit seinem Plan war er bei mir an den Falschen geraten. 😉

Einen Moment dachte ich, er springt mir gleich an die Gurgel. Doch er konnte seine Emotionen gerade noch kontrollieren. Ziemlich angespannt und leicht genervt hat er mir geantwortet: „O.k., ich stelle dich meiner Tochter vor.“ Gesagt, getan.

Die 15-jährige Melissa wirkte ein wenig unsicher und abweisend, als er sie mir vorstellte. Kein Wunder. Ihr Vater begann sofort auf sie einzureden, dass sie mit mir einen Termin vereinbaren müsste, dass es gut für sie wäre …  etc. Melissa fühlte sich sichtlich unwohl und wurde immer defensiver.

Ich habe dem Spuk ein Ende gesetzt, indem ich dem Vater ins Wort gefallen bin: „Ich möchte gerne eine Minute alleine mit Melissa sprechen.“ Widerwillig akzeptierte er das.

Melissa und ich sprachen über Gott und die Welt. Natürlich habe ich ihr ein wenig von mir und meiner Geschichte erzählt. Allmählich taute sie auf und ihre Anspannung verflüchtigte sich. Aus heiterem Himmel fragte sie mich:

„Hilfst du mir oder meinem Vater?“

„Ich bin für dich da“, gab ich zur Antwort.

Ein scheues Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit. „Gut, ich möchte sehr gerne mit dir zusammensitzen. Mein Vater muss jedoch nicht wissen, über was wir reden.“

Damit waren die Rahmenbedingungen geklärt. Jetzt musste ich es nur noch dem Vater „verklickern“.

Ich glaube, ich muss dir nicht sagen, dass sich seine Begeisterung in Grenzen hielt. Für ihn war das ein Kontrollverlust und er fühlte sich ausgeschlossen. Dennoch stimmte er widerwillig zu.

Enttäuschte Elternträume

Melissa war eine talentierte Athletin, die in ihrer Altersklasse kurz davor war, den Anschluss an die europäische Spitze zu finden. Nach dem kurzen Gespräch mit ihr und dem Vater machte sich bei mir ein ungutes Gefühl breit.

Für mich entstand der Eindruck, dass sie das Investitionsgut und Objekt von Papa ist. Die Person Melissa ging dabei völlig unter.

Schliesslich hatte Papa schon viel Zeit und Geld in sein Projekt Melissa investiert und einen zahlungskräftigen Mäzen im Hintergrund. Wenn man in ein Objekt investiert, dann sollte es bitte auch einen Return on Investment bringen. Dabei soll sie gefälligst dankbar sein, dass sie diese Möglichkeit bekommt.

Melissas Vater war in jungen Jahren ein mittelmässiger Athlet gewesen, dem der grosse Durchbruch versagt blieb. Die Enttäuschung ist geblieben. Mit Melissa bekam er nun die Chance, seine Träume zu verwirklichen.

Ein typischer Alltag

Ich freute mich auf das Gespräch mit Melissa. Sie kam alleine und liess sich nicht wie üblich von ihrem Vater chauffieren. Das hat mir sehr gut gefallen.

Melissa war sehr offen. Sie hat mir sehr persönliche Dinge anvertraut und erzählte mir, wie bei ihr eine normale Woche ausschaut. Ich bin aus allen Wolken gefallen.

11 Trainingseinheiten pro Woche, kein Ruhetag, dafür jeden zweiten Tag Massage, daneben die Schule. Vater und Mutter teilen sich den Fahrdienst, damit Melissa immer rechtzeitig am richtigen Ort ist.

Rundumservice! Die Art und Weise, wie sie mir das erzählte, stimmte mich sehr nachdenklich. Ihr Leben wurde von A bis Z durch die Entscheidungen und Pläne ihres Vaters geprägt.

Waren die chronischen Knieschmerzen ein Signal von ihrem Unbewussten?

Ich erlaubte mir die Frage, ob ihr das Training und der Sport Spass machen. Ihre Mimik sprach Bände. Das ausgesprochene NEIN hätte sie sich sparen können. Ein paar Tränen kullerten ihr über die Wange.

„Weisst du, ich mag meinen Vater sehr und trotzdem hasse ich ihn. Ich fühle mich immer unter Druck, ich werde nur bei guter Leistung wahrgenommen und doch ermöglicht er mir viel.

Die Reisen, die besten Trainer und … Aber ich weiss gar nicht, ob ich das will … Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann er mich das letzte Mal in den Arm genommen hat.

Ich muss einfach funktionieren. Wie eine Maschine.“

Ihr Vater weiss sehr genau, was Melissa will …

Martina als Vorbild?

Beim Vater von Melissa habe ich eine Gemeinsamkeit mit Martina Hingis Mutter entdeckt.

Die Karriere wurde generalstabsmässig geplant.

Martina Hingis wurde seit ihrem zweiten Lebensjahr auf Tennis getrimmt. Mit vier hat sie ihr erstes Turnier gewonnen. Die Schweizer Medienlandschaft hat das Talent früh „gesichtet“. Als sie sieben war, wurde sie von einem Schweizer TV-Journalisten gefragt: „Warum hast du dich gerade für diesen Sport entschieden?“

„Weil ich musste“, kam es ein wenig resigniert zurück. Martina Hingis war das Projekt ihrer Mutter.

Obwohl Martina schon in jungen Jahren eine begnadete Tennisspielerin war, sah ich bei ihr nie Freude im Spiel. Sie erfüllte lediglich ihre Pflicht. Wenn auch sehr erfolgreich.

Spannend finde ich die Tatsache, dass eine ominöse und chronische Fussverletzung ihren ersten Rücktritt vom Tennis verursachte.

Rebellierte bei ihr das Unbewusste? Darüber können wir nur spekulieren.

Wie die Mutter von Hingis will auch Melissas Vater nur das Beste für seine Tochter und vor allem für sich.

Achievement by Proxy Distortion

Dieses Phänomen trifft man bei Mädchen häufiger als bei Jungs. Da Jungs von Haus aus einen höheren Ehrgeiz als Mädchen mitbringen und sich gerne mit anderen messen, sind sie weniger gefährdet sich Druck und Zielen von aussen zu beugen als die Mädchen.

Überehrgeizige Eltern, die ihre Träume stellvertretend durch die Kinder leben, triffst du nicht nur im Sport.

Heute muss jeder ein Star werden. Ich denke dabei an die krankhaften Schönheitswettbewerbe in den USA für Kinder, Castingshows, die mehr schaden als nützen oder Eltern, die schon beim ersten geraden „Furz“ von ihrem Kind den zukünftigen Olympiasieger, Musiker, die potenzielle Führungskraft oder den Unternehmer identifiziert haben.

Die von den Medien gepushten jungen Ausnahmeerscheinungen tragen den Rest dazu bei. Leider sind diese die Ausnahme und nicht die Regel. Nur will das niemand wahrhaben.

Dabei geht es auch anders. Roger Federer wurde von seinen Eltern offensichtlich goldrichtig gefördert und gefordert. Nach Jahren steht er immer noch mit viel Spielfreude auf dem Platz. Obwohl er schon x-mal abgeschrieben wurde.

Der Begriff „Achievement by Proxy Distortion“ wurde von Ian Tofler geprägt und bezeichnet das stellvertretende Erleben (und dadurch Forcieren) von Erfolg bei Eltern von Sportlern.

Er unterteilt dies in verschiedene Stadien.

Risikoreiche Opferbereitschaft

Als Elternteil fällt es dir schwer, deine eigenen „Erfolgswünsche“ für deine Tochter von den Zielen und Bedürfnissen deiner Tochter unterscheiden. Du nimmst vielleicht einen zweiten Job an, verkaufst das Haus und ziehst in die Nähe vom Leistungszentrum. Deiner Tochter soll es an nichts fehlen. Damit sie den Sprung an die Spitze schafft, braucht sie optimale Trainingsbedingungen.

Im Gegenzug erwartest du von deiner Tochter, dass sie sich dankbar zeigt und einen dem Opfer entsprechenden Einsatz an den Tag legt.

Das kann einen enormen Druck auslösen, weil sie sich verpflichtet fühlt und in deiner Schuld steht.

Melissas Vater hat dieses Stadium schon überschritten.

Entwicklung zum Objekt

Du hast die Fähigkeit verloren, deine eigenen „Erfolgswünsche“ für deine Tochter von den Zielen und Bedürfnissen deiner Tochter zu unterscheiden. Deine Tochter ist für dich ein Produkt und eine Leistungsmaschine, die auf Knopdruck ihre Leistung bringen muss.

Verletzungen werden in Kauf genommen oder du nötigst deine Tochter zu einer strikten Diät. Zu viel Gewicht beeinflusst die Leistung negativ. Du definierst deine Tochter nur noch darüber, ob sie etwas gut kann oder nicht.

Das erhöht den Druck, führt zu einer eindimensionalen Persönlichkeit und direkt in die Isolation. Athletinnen wissen oft selber nicht mehr, was sie wollen. Sie funktionieren und haben den Selbstzugang verloren. Ihre Bedürfnisse sind nicht mehr relevant.

Melissa hat dieses Stadium bereits erreicht. In diesem Stadium kann schon erheblicher Schaden angerichtet werden.

Potenzieller Missbrauch

Hier wird es richtig gefährlich. Die Fähigkeit, deine eigenen „Erfolgswünsche“ für deine Tochter von ihren Zielen und Bedürfnissen zu unterscheiden, hast du komplett verloren.

Deine Tochter hast du nun vollständig für deine Ziele instrumentalisiert. Als Person nimmst du sie schon lange nicht mehr wahr. Hauptsache, sie bringt ihre Leistung, damit du dich in ihrem Erfolg sonnen kannst und die Sponsorengelder fliessen.

Dabei riskierst du auch langfristige körperliche und seelische Schäden. Wenn es sein muss, versorgst du sie auch mit „Vitamintabletten“, damit sie mit den Besten mithalten kann. Jetzt gibt es nur noch eins: „Erfolg ohne Rücksicht auf Verluste“.

Auch verbale Erniedrigungen, psychischer Druck und sogar sexueller Missbrauch sind möglich. Nur das Ergebnis zählt.

Der Missbrauch kann auch von Mentoren, Coaches, Verbänden oder Sponsoren ausgehen.

I pay, you play!

Deine Tochter hat den Selbstzugang komplett verloren. Sie nimmt ihre Bedürfnisse gar nicht mehr wahr. Sie funktioniert.

Bei Melissa ist es zum Glück nicht so weit gekommen.

So wie der ehemalige französische Trainer von Ariella Kaeslin in den Medien und im Buch „Ariella Käslin – Leiden im Licht“ beschrieben wurde, liegt die Vermutung nahe, dass er Ariella und die anderen Turnerinnen als Objekt betrachtete.

Ich bezweifle, dass er sein Wunschdenken von den Bedürfnissen der Turnerinnen unterscheiden konnte. Das ist jedoch meine sehr subjektive Betrachtungsweise.

Wie ging es mit Melissa weiter?

Melissa musste sich zuerst wieder spüren, damit sie überhaupt in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen.

Wir gingen sehr behutsam vor. Sie lernte, ihre somatischen Marker (Körpersignale) wieder wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

Natürlich war mir klar, dass dies auch zu Entscheidungen mit Konfliktpotenzial führen kann.

Melissa reduzierte ihren Trainingsumfang und stellte den Spass in den Vordergrund. Sie hat sich auch wieder vermehrt mit Freundinnen getroffen. Ihr Vater war darüber nicht sehr glücklich. Vielleicht sah er seine Felle davonschwimmen. Vor allem passte es ihm nicht, dass er nur rudimentär über unser Gespräch informiert wurde.

Melissa ging es von Woche zu Woche besser. Sie hat mich regelmässig über ihre Fortschritte und Aktivitäten informiert. Nach rund einem Monat wollte sie wieder ein persönliches Gespräch mit mir.

Als sie zur Tür hereinkam, traute ich meinen Augen nicht. Da stand eine junge Dame mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor mir. Sie konnte es kaum erwarten, mir die freudige Nachricht zu verkünden:

„Die Knieschmerzen sind weg, einfach so.“

Das freute mich riesig.

Sie hatte sich entschieden, dem Leistungssport den Rücken zu kehren.

Diese Entscheidung brachte für sie die Wende. Das Unbewusste hatte sie wieder im Boot und der Konflikt war für sie gelöst.

Jetzt musste sie es nur noch ihrem Vater beibringen.

Für das klärende Gespräch mit ihrem Vater hat sie mich als Rückendeckung mitgenommen. Er hat es besser aufgenommen, als wir beide erwartet haben. Die Auszeit hat er genutzt und sich ein paar Gedanken gemacht.

Ich glaube, er wusste, was auf ihn zukommt, als Melissa mit mir im Schlepptau auftauchte.

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen. Melissa triffst du heute bei Lauf- und Triathlonwettkämpfen. Das macht sie mit viel Freude und Spass.

Unerfüllte Elternträume

Das Ergebnis spielt dabei eine untergeordnete Rolle, sagt sie. Wenn man regelmässig vorne platziert ist, sagt sich das sehr einfach. 😉

Die Beziehung zu ihrem Vater hat sich normalisiert. Ab und an gehen sie gemeinsam eine Runde radfahren. Ich glaube, die gemeinsamen Ausfahrten geniessen sie beide.

Auf der Seite deiner Tochter

Mit deiner Hilfe lernt sie, dass die eigene Entwicklung und die eigenen Fähigkeiten wichtiger sind als der schnelle Erfolg und die Trophäen.

Sei realistisch. Es macht keinen Sinn, wenn du einer durchschnittlichen Sportlerin sagst, sie sei brilliant und das neue Supertalent. Im Gegenteil. Es schadet, setzt sie unnötig unter Druck und führt zu regelmässiger Frustration, weil sie deine und ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Du kannst dein Kind nicht vor der Realität schützen. Es gibt immer Sportlerinnen, die besser sind als deine Tochter. Doch du kannst ihr ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln und sie entsprechend ihrem Niveau fördern und wertschätzen.

Denk daran: Kinder und Jugendliche entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo! Vergleiche im Jugendalter sind oft nur bedingt aussagekräftig.

Tipps für eine gesunde Beziehung

  • Nimm die Bedürfnisse und Ziele deiner Tochter wahr – du lebst nicht durch deine Tochter.
  • Konzentriere dich auf die persönliche Beziehung zu deiner Tochter – die Liebe zu ihr ist nie leistungsabhängig.
  • Zeige Interesse an den Aktivitäten deiner Tochter – egal für welchen Weg sie sich entscheidet.
  • Übernimm Verantwortung für Entscheidungen, welche die körperliche und seelische Gesundheit deiner Tochter beeinträchtigen können.
  • Ermutige deine Tochter, alters- und entwicklungsgerechte Ziele zu setzen.
  • Verlagere den Fokus vom Ergebnis zur Entwicklung – nicht nur der erste Rang zählt.

Fazit

Deine unerfüllten Wünsche stellvertretend durch deine Tochter zu leben, ist ein absolutes No-go. Selbst wenn du es nur gut meinst.

Das heisst nicht, dass du nicht stolz auf die Leistung deiner Tochter sein kannst. Du darfst sie unterstützen, fördern und ihr Rahmenbedingungen schaffen, in der Top-Leistungen möglich sind. Sie freut sich, wenn du sie unterstützt, anfeuerst und mitfieberst.

Stell dir dabei immer wieder die Frage: „Sind das meine Ziele oder die Ziele meiner Tochter?“ Wenn es um sie geht, sind nur ihre Ziele von Bedeutung.

Wenn sie bei sich aussergewöhnliche Fähigkeiten entdecken, werden sie selber den Wunsch entwickeln, eine erfolgreiche Sportlerin zu werden. Für die meisten werden jedoch die lukrativen Millionen-Verträge ein Wunsch bleiben.

Deine Tochter weiss sehr gut, was ihr gut tut und was nicht. Sie kann für sich selbst Entscheidungen treffen. Respektiere das und unterstütze sie auf ihrem Weg.

Wenn sie mit Spass ihren Sport ausübt, dann kommen die Leistungen und der Hunger nach mehr von alleine.

Martina Hingis zeigt in ihrem zweiten Frühling sehr gut, dass sie auch mit Spass und Freude Tennis spielen kann. Der grosse Unterschied zu ihren Jugendjahren: Sie hat sich selbst dafür entschieden.

Heute schaue ich Martina gerne zu, wenn sie mit Spass und Spielfreude die Bälle übers Netz „hämmert“.

Wann hast du deine Tochter das letzte Mal mit Spass und Freude im Training oder im Wettkampf gesehen?

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher ist.

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