„Ka mate! Ka mate!“ („Es ist der Tod! Es ist der Tod!“), schreien die neuseeländischen Rugbyspieler bei ihrem legendären „Ka mate Haka“ , den sie vor jedem Länderspiel mit Stolz zelebrieren und mit dem sie ihren Gegner schon vor dem Spiel einschüchtern.

Der Haka ist ein einzigartiges Ritual in der Sportwelt, das bis ins Jahr 1888 zurückgeht!

Ein Ritual, das so unter die Haut geht, habe ich bisher noch nicht gesehen, obwohl es in der Sportwelt unzählige Rituale gibt. Ein paar davon werde ich dir noch vorstellen und auch ein Lustiges von mir, über das ich heute noch schmunzeln muss.

Dabei klären wir: Braucht es überhaupt Rituale im Sport? Ist das reiner Aberglaube? Sind Rituale für etwas gut?

Traditionelles Ritual

„Haka“ bedeutet eigentlich nichts anderes als „Tanz“ und ist ein Tanzritual. Der Haka ist in der Maorikultur tief verankert. Sie haben diesen zur Begrüssung und zur Unterhaltung von Gästen aufgeführt und in kriegerischen Situationen zur Einschüchterung der Gegner eingesetzt.

Auf dem Rugbyfeld sind die All Blacks quasi in einer „kriegerischen Handlung“ mit ihrem Gegner.

Der Haka läuft immer nach dem gleichen Muster und mit klaren Regeln ab. Er wird immer auf die gleiche Art und Weise wiederholt. Die Handlung vor dem Spiel schweisst das Team zusammen, macht Mut, gibt Sicherheit und sie hat vor allem eines: einen hohen Symbolcharakter.

Bis 2005 haben sich die All Blacks vor dem Spiel mit dem „Ka Mate Haka“ in Stimmung gebracht. Seitdem kommen die Rugbyfans auch in den Genuss vom „Kapa O Pango Haka“.

Kulturen und Rahmenbedingungen ändern sich. Damit von den Teammitgliedern nicht einfach etwas gemacht wird, das nicht gelebt wird, haben die All Blacks ihr Repertoire mit dem „Kapa O Pango Haka“ ergänzt. Wie es dazu kam und was der Hintergrund ist, kannst du hier lesen.

Heute setzen die All Blacks die beiden Haka situativ ein. D.h. den, der für das Spiel in dem Moment besser passt. Du kannst dir beide Haka in den folgenden Videos anschauen. Geniesse es.

Ka mate

Kapo O Pango

Das geht unter die Haut. Nicht?

Sexy Ritual

Die attraktive australische Hürdensprinterin Michelle Jenneke ist bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2012 vor allem durch ihr Startritual aufgefallen. Mit ihrem „sexy warm-up dance“ wurde sie eine Berühmtheit. Auf Youtube wurde der Videoclip von ihrem „warm-up dance“ 27 Millionen Mal angesehen!

Mir persönlich gefällt vor allem die Verfassung, die Michelle mit ihrem Warm-up-Ritual erzeugt. Sie bringt sich damit in eine positive und freudige Stimmung (Affekt) und in ihren optimalen Leistungszustand. Für viele Athleten ist das die perfekte Stimmung für Top-Leistungen.

Rituale wie Sand am Meer

In der Sportwelt gibt es Rituale wie Sand am Meer. Neben Michelle Jenneke und den All Blacks gibt es noch eine grosse Anzahl von Sportlern und Teams, die mit ihren Ritualen aufgefallen sind.

Der Marathon-Europameister Viktor Röthlin hat vor seinen Wettkämpfen immer eine „rohe Rösti“ gegessen, die er in der Regel auch selbst gekocht hat. David Beckham schlug Bälle in den Himmel. Hockeyteams lassen sich in den Playoffs Bärte wachsen und waschen ihre Unterwäsche nicht mehr.

Die Liste kann beliebig weitergeführt werden. Nicht zu vergessen die „Zupf-Orgie“ von Rafael Nadal. 😉

Routine oder Ritual?

Jeder Athlet hat seine üblichen Routinen und Abläufe. Doch was unterscheidet eine Routine von einem Ritual?

Wenn du du am Morgen verschlafen deine Schuhe anziehst, bevor du das Haus verlässt, wirst du immer zuerst den linken oder den rechten Schuh anziehen. Das machst du automatisch, ohne dass du darüber nachdenkst musst. Das ist eine Routine, die du dir über die Jahre angewöhnt hast.

Wie ist das im Wettkampf?

Stell dir vor, du kommst vom Einlaufen zurück. Die Luft in der Garderobe ist mit Schweiss geschwängert. Spannung liegt in der Luft. Während du die Wettkampfklamotten nach einer genau festgelegten Reihenfolge anziehst, kündigt der Speaker die nächste Serie an.

Du nimmst deine Wettkampfschuhe aus der Sporttasche, stellst sie vor dich hin und öffnest die Schnürsenkel, so weit es geht. Du schlüpfst wie immer zuerst in den linken Schuh und schnürst diesen mit deinem „Wettkampfknoten“ …

Bemerkst du den Unterschied? Dein Wettkampfablauf hat einen höheren Sinn und einen starken Symbolcharakter. Damit bringst du dich auch deinem optimalen Leistungszustand ein Stück näher.

Ein Ritual ist eine Handlung mit einem höheren Sinn und einem starken Symbolcharakter, die nach klaren Regeln abläuft.

Individuelle Rituale

Sportrituale sind sehr vielseitig. Es gibt typische Teamrituale (Haka, Kampf-/Teamschrei, Abklatschen), sportartspezifische Rituale (Ballprellen, Kufenreinigen etc.) oder auch Warm-up-Rituale (Auf-Schenkel-Klopfen). Rituale zum Aktivieren (Musik, Sprünge), zum Beruhigen (Musik, Atmen) oder zur mentalen Vorbereitung (Visualisieren, Selbstgespräche).

Wenn du dir regelmässig Sportwettkämpfe anschaust oder die Stars beobachtest, ist dir bestimmt nicht entgangen, dass alle ihr persönliches Warm-up-Ritual haben. Die wenigstens machen daraus einen Hehl.

Auch individuelle „Vorwettkampfrituale“ (spezielles Essen, Ruhetag, Schlafen etc.) sind weit verbreitet. Ich hatte selbst ein sehr originelles Vorwettkampf-Ritual, über das ich heute noch schmunzeln muss.

Mein Schlafritual

Dazu muss ich ein wenig ausholen. Im Januar 1994 hatte ich bei der Europameisterschaft in Hamar die letzte Möglichkeit, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Am Abend vor dem Wettkampf haben wir in der Hotelbar noch etwas getrunken und uns mit ein paar Norwegern unterhalten.

Wir haben über Gott und die Welt geplaudert und natürlich ist auch der wichtige Wettkampf und meine letzte Chance für die Olympia-Quali ein Thema gewesen. Der eine Norweger (ein ehemaliger Athlet) hat mir folgenden Tip mit auf den Weg gegeben.

Unterlege das Fussende im Bett so, dass deine Beine leicht höher sind als dein Oberkörper. Wenn du dann am Morgen aufstehst, schiesst dir das Blut in die Beine und du bekommst einen megamässigen und langanhaltenden Energieschub.

Zuerst dachte ich: Was für ein Schwachsinn. Aber … Da ich von Haus aus neugierig bin, musste ich das ausprobieren.

Als ich mich am nächsten Morgen auf den Weg ins Badezimmer machte, spürte ich, wie sich meine Beine mit Blut und Energie füllten. Ich fühlte mich ausgezeichnet! Die Spannung konnte ich kaum aushalten. Am liebsten hätte ich meine Schlittschuhe angezogen und wäre gleich losgelaufen. In dem Moment bin ich richtig „wettkampfgeil“ geworden.

Doch ich musste mich noch ein wenig gedulden, bis ich meine Energie im Wettkampf „rausknallen“ durfte. Du ahnst es schon: Ich bin ausgezeichnete 5000 m gelaufen. Meine persönliche Bestzeit verbesserte ich um fast 8 Sekunden! Damit habe ich mich für meine ersten Olympischen Spiele qualifiziert.

Ein neues Ritual war geboren. Ab diesem Moment habe ich bei Grossanlässen immer mit leicht erhöhten Beinen geschlafen.

Solche Rituale lösen bei einem Aussenstehenden oft nur ein Kopfschütteln aus. Einen wichtigen Zweck hatte es jedoch bei mir erfüllt.

Dieses für aussenstehende „absurde“ Ritual machte mir Mut und es gab mir Sicherheit.

Ich war überzeugt von meinen Ritualen und zelebrierte diese konsequent und mit Stolz.

Drucksituationen meistern

Nationale und internationale Meisterschaften sind bedeutende Wettkämpfe, bei denen die subjektive Belastung, der selbstauferlegte Druck und auch der Druck von aussen sehr hoch sein können.

In Drucksituationen sind Rituale wertvolle Ressourcen, die dir Mut und Sicherheit geben sowie den Zusammenhalt im Team fördern. Durch den gewohnten Ablauf kannst du die Situation kontrollieren und nicht umgekehrt. Zudem unterstützen sie dich dabei, in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen.

Rituale werden immer (selbst wenn du sie nicht immer wahrnimmst) von positiven Körpersignalen begleitet. Das sind klare Zeichen dafür, dass du das Unbewusste im Boot hast.

Ich hatte diverse Rituale, die mich unterstützten, in meinen optimalen Leistungszustand zu kommen und von starken positiven Körpersignalen (somatische Marker) begleitet wurden.

Flexibel bleiben

Einen Punkt möchte ich noch erwähnen. Bei aller Liebe für Routinen und Rituale: Achte darauf, dass du flexibel bleibst! Du wirst immer wieder mit aussergewöhnlichen Situationen konfrontiert werden, in denen du deine Rituale nicht oder nicht wie gewohnt durchziehen kannst.

Wenn du in diesen Situationen zwanghaft an deinem Ritual festhältst und dir keine alternativen Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, dann entstehen Stress und Unsicherheit. Der Wettkampf ist dann gelaufen, bevor es losgeht.

Fazit

Rituale und Sport gehören zusammen wie Yin und Yang. Manchmal haben sie auch etwas Mystisches.

Ein Ritual ist eine Handlung mit einem höheren Sinn und einem starken Symbolcharakter, die nach klaren Regeln abläuft. Sportrituale machen Mut, geben Sicherheit und in Teamsportarten fördern sie den Zusammenhalt.

Richtig eingesetzt sind sie eine wertvolle Unterstützung für deine Wettkämpfe.

Rituale helfen dir, in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen und am Tag X dein volles Leistungspotenzial abzurufen.

Wie und in welchen Situationen du Rituale einsetzt, ist deine Entscheidung. Du weisst am besten, was gut für dich ist.

Welche Rituale haben dir oder deinem Team bisher Sicherheit gegeben?

Finde und nutze dein persönliches Warm-up-Ritual. Zelebriere dieses stolz und selbstbewusst, damit du mutig und sicher in den Wettkampf startest.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher geht.

 

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