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Hast du auch schon mal eine Rolle angenommen, die nicht zu dir passt, und dich überschätzt?

Für mich kann ich die Frage einfach beantworten. JA, natürlich.

Das war jedoch nicht zu meinem Vorteil. Im Gegenteil.

Wenn du eine Rolle annimmst, die nicht zu dir passt, und dich überschätzt, rennst du etwas hinterher, das wenig mit dir zu tun hat.

Auch wenn du noch so sehr davon träumst, der nächste Star zu sein.

Sind Träume Schäume?

Träume und Visionen sind wichtig. Sie geben dir den Antrieb und die Motivation, für deine Ziele zu arbeiten.

Auch ich habe von den Olympischen Spielen geträumt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich kaum gerade auf meinen Schlittschuhen stehen. Geträumt habe ich trotzdem.

Als ich anderen von meinem Traum erzählte, erntete ich vor allem eins: ein müdes Lächeln und Mitleid.

Das hielt mich jedoch nicht davon ab, an meinem Traum festzuhalten und alles dafür zu geben. Habe ich mich deshalb selber überschätzt und eine unrealistische Selbsteinschätzung an den Tag gelegt?

Überschätzt du dich, wenn du einen grossen Traum und eine Vision hast?

„Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es kein Motiv, sich anzustrengen.“ – Erich Fromm

Es ist wichtig, dass du eine Vision und ein grosses Ziel hast. Das gibt dir die Motivation, alles dafür zu tun.

Auf dem Weg dahin gibt es jedoch ein paar Dinge, die du beachten solltest.

Selbstüberschätzung

Als Sportler brauchst du ein gutes Selbstbewusstsein, ein gutes Selbstwertgefühl sowie ein gutes Selbstwirksamkeitserleben.

Ein übersteigertes Selbstbewusstsein, aus welchen Grund auch immer, führt oft zu einer Selbstüberschätzung.

Athleten, die ihre Fähigkeiten andauernd selbst überschätzen, stufen sich besser ein, als sie tatsächlich sind. Sie fühlen sich den anderen überlegen und brauchen viel Anerkennung, um ihr Selbstwertgefühl weiter zu stärken. Dabei versäumen sie es, auf die Bedürfnisse ihrer Teamkollegen und anderer Personen einzugehen.

Im Umgang mit anderen wirken sie oft überheblich, arrogant und herablassend. Teamkollegen und Gegner werden von ihnen gerne einmal als „Weicheier“ oder „Schwächlinge“ verschrien.

Athleten, die sich selbst überschätzen, können durchaus gute Leistungen erzielen, wenn sie von ihrem Umfeld immer wieder bestätigt werden. Langfristig ist das jedoch ein Sackgasse.

Ihre Selbstwahrnehmung deckt sich nicht immer mit der Fremdwahrnehmung.

Das sind dann die „Leider nein“-Kandidaten, die wir bei Deutschland sucht den Superstar sehen, die einfach nicht verstehen, warum ihre Leistung ungenügend war.

Hand aufs Herz: Diese Kategorie ist nicht erstrebenswert … wenn du nicht eine Bierwette abgeschlossen hast.

Schritt für Schritt

Ohne Ziele keine Handlung.

Gehe deinen Weg Schritt für Schritt. Setze dir realistische Ziele, die du erreichen kannst.

Ziele, bei denen die Wahrscheinlichkeit 50/50 ist, dass du sie erreichst, aktivieren dein Leistungsmotiv. Setze dir deine Ziele so, dass sie für dich eine Herausforderung sind.

Das können kurz-, mittel- oder langfristige Ziele sein.

Das können Ergebnis-, Prozess- oder Verhaltensziele sein.

Du kannst auch Prognosentrainings machen. Diese helfen dir für eine realistische Selbsteinschätzung und du lernst dabei noch deine Leistung abzurufen, wenn es zählt.

Erfolgskontrolle

Ziele kannst du überprüfen.

Wenn du dir Ziele setzt, kannst du hinterher den Erfolg prüfen.

Ein Ziel, das du verfehlt hast, mag schmerzhaft sein. Es ist jedoch nicht in jedem Fall ein Misserfolg. Ziele, die du verfehlt hast, kannst du als Feedback nutzen und Korrekturen vornehmen.

Du weisst, dass ich kein Freund von Schönmalerei bin. Der Wahrheit darf man ins Gesicht schauen.

Ein erreichtes oder ein verfehltes Ziel ist eine gute Messgrösse und ein guter Indikator.

Es gibt jedoch noch andere Messgrössen, die für dich entscheidend sind.

Wie ist es dazu gekommen, dass du dein Ziel erreicht, respektive nicht erreicht hast?

  • Habe ich den Wettkampf aus dem Training heraus bestritten?
  • Wie habe ich das Warm-up gemacht?
  • Wie war meine mentale Verfassung?
  • Etc.

Wenn du weisst, welcher Weg nachweislich zu guten (und auch schlechten) Ergebnissen führt …

… kannst du das nächste Mal das tun, was für dich am besten funktioniert.

Wenn es heute noch nicht funktioniert, weisst du, an was du noch arbeiten musst.

Das fördert auch dein Selbstvertrauen und eine realistische Selbsteinschätzung deiner Fähigkeiten.

Und wenn es nicht auf Anhieb gelingt (was vorkommen soll), musst du deshalb nicht gleich die Segel streichen.

Selbsteinschätzung

Eine unrealistische Selbsteinschätzung hält dich davon ab, deine Möglichkeiten zu nutzen.

Warum?

Du wirst …

  • immer einen Grund finden, warum es jetzt gerade nicht ging,
  • erklären, dass du einfach Pech gehabt hast,
  • sagen, dass das Material nicht optimal präpariert war,
  • die Ursache für einen Misserfolg immer bei den anderen
  • oder den Rahmenbedingungen suchen oder
  • grosszügig ausblenden, was du dazu beigetragen hast.

Es sei denn, deine Leistung war top. Dann lag es natürlich nur an dir. Logisch, oder? 😉

Better than the average

Sich selber objektiv einzuschätzen ist gemäss der Wissenschaftlerin Elanor Williams von der Universität Florida gar nicht so einfach.

Wenn du dich selber beurteilst, verwendest du einen anderen Massstab, weil du dich nach überdurchschnittlichen Leistungen sehnst.

Sie nennt das den „Better-than-my average effect“.

Elanor Williams sagt, dass wir uns bei der Selbsteinschätzung gerne auf unsere besten Leistungen fokussieren, da wir uns in den Spitzenleistungen am liebsten wiedererkennen. Die Durchschnittsleistungen werden gerne ausser Acht gelassen.

Interessant ist die Tatsache, dass die Leistungen anderer eher durchschnittlich eingeschätzt werden. Das macht dich überdurchschnittlich.

Doch warum ist eine realistische Selbsteinschätzung so wichtig?

Wenn …

  • du die Ursachen für deinen Erfolg und Misserfolg zuordnen kannst,
  • du weisst, wie deine Erfolge zustande gekommen sind,
  • du weisst, was zu einem Scheitern geführt hat,
  • du weisst, was funktionierte,
  • du weisst, was dir das Genick gebrochen hat,
  • du weisst, was deine Leistung wirklich wert ist …

… dann kannst du etwas ändern, Korrekturen vornehmen oder das beibehalten, was funktioniert. Dadurch wirst du besser.

Und nur dann – alles andere ist „wild guessing“.

Dieses „wild guessing“ über die Ursachen für den Erfolg kann auch einmal zu komischen Verhalten und Ritualen führen, wie das bei mir der Fall war.

Bei der Europameisterschaft 1994 in Hamar, der letzten Möglichkeit, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, bekam ich einen gut gemeinten Tipp von einem Norweger: Unterlege das Fussende im Bett so, dass deine Beine leicht höher sind als dein Oberkörper. Wenn du dann am Morgen aufstehst, schiesst dir das Blut in die Beine und du bekommst einen megamässigen und langanhaltenden Energieschub.

Zuerst habe ich es als Schwachsinn abgetan und es dann doch ausprobiert.

Das Ergebnis: Ich verbesserte meine persönliche Bestzeit über 5000 m und qualifizierte mich für die Olympischen Spiele in Lillehammer.

Das Ritual habe ich beibehalten, weil ich dachte, es hilft. 😉

Dass dies eine Fehleinschätzung war und das Ritual keinen direkten Zusammenhang mit der Leistung hatte, bringt mich heute noch zum Schmunzeln. Vor allem, weil ich das Ritual während meiner ganzen Karriere beibehalten habe.

Obwohl, einen mentalen Effekt hatte es und es gab mir Sicherheit.

Fazit

Eine realistische Selbsteinschätzung fördert deine Motivation, deine Entwicklung und deine Leistung.

Sie hilft dir, deine Träume zu verfolgen und deine Ziele zu erreichen.

Mit einer guten Selbsteinschätzung stärkst du dein Selbstvertrauen, dein Selbstwertgefühl und deine Selbstwirksamkeit.

Du weisst, dass du deinen Erfolg selber beeinflussen und diesen aus eigener Kraft erreichen kannst. Auch wenn es nicht immer rund läuft.

Die meisten Menschen überschätzen, was sie kurzfristig leisten können und unterschätzen, was sie langfristig leisten können. –Unbekannt

Was möchtest du langfristig leisten?

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit mentaler Stärke alles ein wenig einfacher geht.