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Warum setzen viele Athleten fast ausschliesslich auf spezifische Ziele? Obwohl du damit immer wieder auf die Nase fällst und an deinen Zielen vorbeischrammst, setzt du dir einfach ein neues spezifisches Ziel. Das wird dann schon.

Hauptsache ein hoch gestecktes Ziel ist formuliert. Warum solltest du dir auch Gedanken über eine andere Zielformulierung machen? Die anderen tun es ja auch nicht.

Die Erfolgsfaktoren für spezifische Ziele habe ich bereits in der letzten Woche angesprochen. Du musst für das Ziel brennen, darfst keine bewussten oder unbewussten Zielkonflikte haben und es muss sich um eine einfach strukturierte und ergebnisorientierte Aufgabe handeln.

Doch was, wenn dem nicht so ist?

Dann brauchst du einen anderen Zieltyp, der motivierend ist und mit dem du das Unbewusste ins Boot bekommst.

Die Macht der Bilder

An jedem Wort hängt ein Bild und an jedem Bild hängt eine Emotion. So fasste Maja Storch die „Multiple Code Theory“ von Wilma Bucci einfach und treffend zusammen.

Wilma Bucci unterscheidet drei Codes:

  • Symbolisch verbal – vereinfacht gesagt, ist das der Code der Worte (bewusst/Verstand).
  • Symbolisch nonverbal – das ist der Code der Bilder. Der Begriff von „Bild“ wird hier etwas weiter gefasst. Er umfasst alle deine Sinneswahrnehmungen.
  • Vorsymbolisch – das ist der Code der Körperempfindungen (unbewusst).

Wenn du das Wort Olympische Spiele liest, kommen dir dazu ziemlich sicher sofort und ohne dass du darüber nachdenken musst, Bilder in den Sinn: das Olympische Feuer, die Eröffnungsfeier, der Einmarsch der Athleten, die Fahnenträger, strahlende Sieger, Exoten, eine prickelnde Atmosphäre, Medaillenfeiern mit vielen Zuschauern, emotionale TV-Zusammenschnitte, ausgefallene Bauwerke und Sportstätten, Siegerehrungen mit Nationalhymnen etc.

Bei mir war dies nicht anders. Alleine die Vorstellung, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen, und die damit verbundenen Bilder lösten bei mir ein ganzes Orchester von positiven Emotionen aus.

Nach meiner ersten olympischen Teilnahme 1994 in Lillehammer wurde dies noch viel extremer. Denn ich hatte jetzt persönliche Erfahrungen zu diesem unbeschreiblichen Anlass gesammelt, welche tief in meinem Unbewussten verankert wurden.

Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an die Olympischen Spiele denke und meine Erinnerungen daran durch eine Olympische Hymne, die Olympischen Ringe oder einen anderen Reiz aktiviert werden.

Im Vergleich zu Bildern sind Worte, ein wenig salopp ausgedrückt, „tote Materie“. Ein Wort, das du nicht kennst oder nicht entziffern kannst, ist nicht viel mehr als ein Buchstabensalat ohne Wert und Emotion.

Machen wir den Test:

Was löst dieses Wort bei dir aus: „рождество“?

Wenn du der russischen Sprache nicht mächtig bist … genau nichts. Denn es fehlt dir ein Bild dazu.

Hätte ich jedoch „Weihnachten“ geschrieben, wären dir sofort Bilder wie „Geschenke“, „Weihnachtsbaum“, „Weihnachstmarkt“ etc. in den Sinn gekommen. Abhängig von deiner Erfahrung hättest du auf diese Bilder mit einer guten oder einer schlechten Körperempfindung reagiert. Und eine entsprechende Emotion gespürt.

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Eine direkte Verbindung zwischen dem Verstand und dem Unbewussten gibt es nicht. Aus diesem Grund sind Bilder so macht- und wirkungsvoll.

Bildliche Ziele

Maja Storch und Frank Krause entwickelten für das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)* einen neuen und innovativen Zieltyp, der die Macht der Bilder nutzt:

Die Motto-Ziele!

  • Ich bin der wilde Adler und spiele in meinem Revier
  • Ich lebe meinen zielsicheren Gepard
  • Ich bin die Fee in meinem Zauberwald
  • Ich bin Catwoman
  • Ich ruhe im tiefen Blau

Bei den Beispielen denkst du jetzt bestimmt: Oops, was sind denn das für „schwammige“ Ziele, damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Assoziationen zu Bildern sind sehr persönlich und abhängig von deinen Erfahrungen.

Motto-Ziele sind auf dich massgeschneiderte Ziele, die aus deiner Bild- und Gefühlswelt gespeist werden.

Die bewusst formulierten spezifischen Ziele sprechen deinen Verstand an. Mit Motto-Zielen synchronisiert du deinen Verstand mit deinem Unbewussten. Das heisst, du holst das Unbewusste ins Boot.

Aus diesem Grund sind Motto-Ziele sehr motivierend. Sie fördern deine intrinsische Motivation. D.h. die Motivation, die von von innen heraus kommt. Für diese Ziele wirst du brennen!

Motto-Ziele formulierst du bildhaft, metaphorisch und im Präsens. Damit wird dein Unbewusstes angesprochen und ins Boot geholt.

Motto-Ziele sind HALTUNGS-Ziele, die auf den Moment und das „Hier und Jetzt“ fokussiert sind.

Im Gegensatz dazu sind spezifische Ziele Verhaltens-Ziele, welche in die Zukunft und auf das Ergebnis gerichtet sind.

Das folgende Zitat umschreibt die Wirkungsweise von Motto-Zielen sehr treffend.

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
– Antoine de Saint-Exupery

Damit Motto-Ziele wirksam sind, müssen sie drei wichtige Kriterien erfüllen.

Kriterien für Motto-Ziele

Als Annäherungsziel formuliert

Motto-Ziele müssen als Annäherungsziel formuliert werden. D.h. du formulierst, was du willst und was du mit deinem Ziel erreichen möchtest.

„Ich darf nicht schon wieder so nervös sein“ ist ein klassisches Vermeidungsziel. Dein Gehirn muss zuerst ein Bild von der Situation machen und dann sagen, das nicht. Das ist nicht zielführend.

„Ich bin ruhig und gelassen“ oder „Meine Ruhe lebt“ sind Annäherungsziele, welche die gewünschte Haltung resp. das Ergebnis beschreiben.

100 % unter eigener Kontrolle

Motto-Ziele müssen 100 % unter deiner eigenen Kontrolle sein.

„Ich möchte, dass meine Teamkollegen nett zu mir sind.“ Das ist definitiv nicht unter deiner eigenen Kontrolle. Damit ist auch deine Selbstwirksamkeit gefährdet.

Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, dass du auch in schwierigen Situationen und nach Misserfolgen die Kraft hast, selbständig Dinge zu verändern oder etwas zu bewirken.

„Ich unterstütze meine Teamkollegen“ ist unter deiner eigenen Kontrolle und fördert auch deine Selbstwirksamkeit. Wenn du deine Teamkollegen unterstützt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie nett zu dir sind und dich unterstützen, wenn du Hilfe brauchst.

Positive somatische Marker (Supergefühl)

Motto-Ziele müssen einen ganz starken positiven somatischen Marker auslösen und dürfen nicht den Hauch von einer negativen Emotion haben.

„Ich muss dieses Ausdauertraining einfach überleben“ wird bei dir kaum ein „Supergefühl“ auslösen. „Muss“ und „überleben“ sind bei dir kaum mit einem guten Gefühl verbunden. Nicht?

„Ich schwimme auf meiner Welle“ wird bei dir ein starkes positives Gefühl und die Sehnsucht, dein Ziel zu erreichen, auslösen. Vorausgesetzt, die Welle im gewählten Beispiel ist für dich etwas Kraftvolles, das dich vorwärts treibt. 😉

Jeder hat in seinem Leben seine ganz persönlichen Erfahrungen gesammelt. Deshalb sind die Assoziationen zu Bildern persönlich und sehr individuell. Das gleiche Bild kann deshalb bei unterschiedlichen Personen ganz verschiedene Assoziationen auslösen.

Ein Motto-Ziel entsteht

Dieses möchte ich dir gerne am Beispiel von Laura näherbringen. Laura hatte keine Luft mehr zum Atmen und fühlte sich wie in einem Korsett. Sie wollte etwas an ihrer Situation verändern und wieder frei sein.

Im ZRM-Training starten wir den Prozess mit Bildern und der Exploration vom Unbewussten.

Im ersten Schritt wählte Laura ein Bild, das für ihre aktuelle Situation eine Ressource ist und sie auf ihrem Weg unterstützen kann. Bei der Bildwahl hat sie sich nur durch ihr Gefühl leiten lassen und darauf geachtet, was für ein Bild bei ihr ein supergutes Gefühl auslöst.

Sie wählte ein Bild mit einem Adler, der mit weit aufgespannten Flügeln am blauen Himmel kreiste. Dieser zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht.

Im zweiten Schritt nutzten wir den Ideenkorb (eine Brainstorming-Technik) und sammelten viele positive Assoziationen zu ihrem Adlerbild.

Weite, Unabhängigkeit, Freiheit, Wildnis, Spiel mit dem Wind, Natur und vieles mehr kamen dabei zusammen.

Im dritten Schritt wählte Laura aus dem riesigen Ideenkorb ihre Lieblingswörter aus. Also die Wörter, die bei ihr das beste Gefühl auslösten.

Daraus formulierte sie sich das folgende Motto-Ziel:

„Ich bin der wilde Adler und spiele in meinem Revier!“

Dieses gab Laura die Kraft und die Motivation, ihre Haltung und ihre Situation zu verändern, weil sie damit das Unbewusste im Boot hatte.

Welche Ziele in welcher Situation?

Wenn du dir Ziele setzt, geht es in erster Linie darum zu entscheiden, welches Ziel für dich in welcher Situation das richtige ist. Maja Storch hat dafür eine sehr anschauliche Zielpyramide entwickelt.

Zielpyramide+Am Beispiel von Laura würde das so aussehen:

Motto-Ziel auf der Haltungsebene: Ich bin der wilde Adler und spiele in meinem Revier!

Absicht auf Ergebnisebene: Frei sein und das tun, was mir gut tut.

Ziel auf Verhaltensebene: Wenn ich eingegrenzt werde, dann nehme ich mir den Raum und die Freiheit für meine Bedürfnisse.

Entscheidend ist, welches Ziel du zu welchem Zeitpunkt einsetzt.

In Situationen, wo du nicht vorwärts kommst und nicht genau weisst, warum, oder wenn das innere Feuer und die Motivation fehlen, sind Motto-Ziele optimal.

Ein „innerer Konflikt“ war der Grund, weshalb Laura mit ihren (alten) spezifischen Zielen nicht vom Fleck kam. Diese standen im Widerspruch zu ihren unbewussten Bedürfnissen. Darum brauchte sie zuerst ein motivierendes Ziel, welches den Verstand und das Unbewusste synchronisierte und sie wieder auf Kurs brachte.

Die Wirksamkeit von Motto-Zielen wurde auch in Studien nachgewiesen.

So konnte Nicole Bruggmann zeigen, dass die persönliche Identifikation und die Zielerreichung nach 1,5 Jahren mit Motto-Zielen besser war als mit den spezifischen SMART-Zielen.

Julia Weber hat in ihrer Dissertationsstudie nachgewiesen, dass Motto-Ziele zu einer stärkeren Zielbindung (innere Verpflichtung) führen und den Umgang mit negativen Gefühlen nach Misserfolg verbessern.

Das sind Faktoren, die auch für dich als Sportler von Bedeutung sind.

Die spezifischen SMART-Ziele sind für Situationen geeignet, bei denen es um ein konkretes Verhalten geht, welches ein klares Ergebnis zum Ziel hat und nicht zu komplex ist.

Fazit

Motto-Ziele

  • motivieren
  • nutzen die Macht der Bilder
  • entfachen dein inneres Feuer
  • sind ganz persönliche und auf deine Bedürfnisse massgeschneiderte Ziele
  • helfen dir, deine eigene Haltung zu verändern
  • können viele verschiedene Verhalten auslösen
  • synchronisieren den Verstand mit dem Unbewussten
  • sind eine wertvolle Ressource für neue Handlungen
  • helfen dir, besser mit Misserfolg und negativen Gefühlen umzugehen

Aus diesen Gründen stehlen Motto-Ziele den spezifischen SMART-Zielen die Show.

Egal, was für einen Zieltypen du einsetzt – ein Kriterium muss bei allen Zielen erfüllt sein.

Formuliere Ziele immer als Annäherungsziele.

Entscheidend ist, was für eine Haltung, Verhalten oder Ziel du erreichen möchtest. Was du nicht willst, ist uninteressant und vor allem eins nicht: zielführend.

Also, sag mir, was du erreichen willst und hinterlasse mir dein Ziel als Kommentar.

Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ohne Ziel herumirrt. – Gotthold Ephraim Lessing

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles einfacher geht.

PPS: Und wenn du weisst, welcher Zieltyp wann eingesetzt werden sollte, wird es noch einfacher.

 

*Das Zürcher Ressourcen Modell «ZRM®» ist ein Selbstmanagement-Training und wurde von Dr. Frank Krause und Dr. Maja Storch für die Universität Zürich entwickelt. Es wird laufend durch wissenschaftliche Begleitung auf seine nachhaltige Wirkung hin überprüft. «ZRM®» beruht

 

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