„Meine Tochter braucht keine Unterstützung. Sie ist voll auf Kurs und es geht nur aufwärts mit ihr.“ Dies erzählte mir der Vater einer jungen Beachvolleyballerin mit grossen Ambitionen.

Ich fragte, ob seine Tochter denn auch mentales Training macht. „Nein, nein, das braucht sie nicht. Sie hat ihre Ziele und es läuft, seit sie klein ist, alles bestens.“ Hinterher kam noch eine despektierliche Aussage über Athletinnen, die mit einem Mental Trainer oder Sportpsychologen zusammenarbeiten.

Dabei kamen mir wieder ein paar Fragezeichen. Warum haftet dem mentalen respektive dem psychologischen Training etwas Negatives an? Einen Teil der Antwort habe ich in der Zeitung gefunden.

„Ich brauche keinen Seelenstreichler“ oder „Für den Erfolg brauche ich keinen Psychologen“. Diese Aussagen stammen von Top-Athleten. Und du findest viele weitere, ähnliche Ansichten von Profisportlern, die in die gleiche Richtung gehen.

Offenbar meinen sehr viele Menschen – auch Profis –, dass man nur dann mentales Training braucht, wenn man „zu weich“ ist, psychische Defizite hat oder nicht genug Willensstärke.

Einige Top-Athleten haben das Gefühl, dass mentales und psychologisches Training reine Zeitverschwendung ist.

Erstaunlicherweise werden Sportpsychologen und Mentaltrainer auch diesen Athleten in Krisenzeiten zu wertvollen Begleitern. Für viele Sportler wird psychologisches und mentales Training leider erst ein Thema, wenn die Probleme schon da sind.

Nach schweren Stürzen von Athleten nimmt auch die Aufmerksamkeit der Medien für dieses Thema zu. Sportpsychologen äussern sich nach solchen Ereignissen vermehrt in den Medien und erzählen dem breiten Publikum, welche mentalen Herausforderungen schwere Stürze und Verletzungen mit sich bringen. Wie das vor Kurzem beim Skispringen und Skifliegen der Fall war.

Hier findest du einen spannenden Artikel dazu.

Nur für Weicheier

Womöglich kommt daher die Vorstellung, das mentales Training nur etwas für Weicheier und Problemathleten ist.

Ist es das wirklich?

Beginnst du in deiner Sportart erst mit dem Techniktraining, wenn du nicht mehr weiterkommst und du festgefahren bist? Ich bezweifle das.

Von Anfang an wird in den meisten Sportarten grosser Wert auf eine gute Technik gelegt. Warum? Mit einer schlechten Technik wirst du sehr schnell an deine Grenzen kommen und dein volles Leistungspotenzial nicht ausschöpfen können.

Kannst du mir erklären, warum Athleten das mentale und psychologische Training erst in Betracht ziehen, wenn die Probleme schon akut sind?

Wäre es nicht cleverer, damit zu beginnen, bevor die Probleme da sind? Oder noch besser … damit zu beginnen, damit du dich besser entwickeln kannst und Bewältigungsstrategien lernst, bevor es brennt?

Wäre es nicht erstrebenswert, dass du mental so fit bist, dass mentale Probleme erst gar nicht entstehen oder du diese problemlos abfedern kannst?

Und noch viel wichtiger: Dass du deine Stärken und Möglichkeiten zu 100 % nutzen kannst?

Du bist noch dabei und nickst mit dem Kopf, dann solltest du jetzt weiterlesen.

Schwieriges meistern

Mentale Stärke ist ein trainierbares Persönlichkeitsmerkmal.

Wenn du in deiner Entwicklung immer wieder Hürden und Herausforderungen meistern musstest, dann konntest du deine mentale Stärke bereits in deinem sportlichen Alltag trainieren und entwickeln. Dies wird fälschlicherweise oft mit „angeboren“ verwechselt.

Athletinnen, bei denen immer alles glatt läuft, hatten keine Möglichkeit, solche Erfahrungen zu sammeln und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Ohne die Erfahrungen, Hürden und Hindernisse selbstständig bewältigen zu können, kannst du nur schwer mentale Stärke und Selbstwirksamkeit entwickeln.

Stell dir vor, du fährst mit dem Mountainbike zum ersten Mal eine schwierige Singletrail-Passage. Wenn du Glück hast, gelingt dir beim ersten Mal eine fehlerfreie Durchfahrt. Wahrscheinlicher ist es, dass du beim ersten Versuch scheiterst und absteigen musst.

Wenn du hingegen vorher schon andere schwierige Singletrails gemeistert hast, besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass dir auch diese gelingt.

Auf Knofpdruck

Als Athletin musst du in der Lage sein, deine Stimmung und deine mentale Verfassung bewusst und auf Knopfdruck zu regulieren.

Diese Fähigkeit kannst du dir mit gezieltem sportpschychologischen Training aneignen.

Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Körperwahrnehmung trainieren
  • Selbstmanagement-Training
  • Visualisieren
  • Zielsetzungstraining
  • Prognosetraining
  • Selbstgesprächsregulation
  • etc.

Jede Athletin hat ihre eigene Persönlichkeit und befindet sich in ihrer persönlichen und sportlichen Entwicklung an einem anderen Punkt als ihre Teamkolleginnen und Konkurrentinnen. Darum sind auch die Bedürfnisse sehr unterschiedlich.

Wenn du deine Persönlichkeit und deine mentale Stärke entsprechend deinem Entwicklungsstand trainierst, dann bist du immer gut aufgestellt!

Damit erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, dass du im entscheidenden Moment in deine gewünschte Stimmung kommst und am Tag X dein volles Leistungspotenzial abrufen kannst.

Mentales Training zahlt sich aus

Athletinnen, die ihre Stimmung gut regulieren können, sind auch persönlich stabiler und werden nicht so schnell aus der Bahn geworfen.

Dein Alltag besteht nicht nur aus Training. Du bewegst dich in einem sozialen Umfeld, triffst dich mit Freunden, du gehst zur Schule, du musst lernen, du nimmst an Wettkämpfen teil und du hast Freizeitaktivitäten.

Dein Umfeld beeinflusst auch deine Leistung. Der Ärger in der Schule, der Konflikt mit deiner Mutter oder dein Liebeskummer kann sich negativ auf deine Leistung auswirken. Natürlich funktioniert es auch andersrum. Deine Leistung wird positiv beeinflusst, wenn du im Lot bist und in deinem Umfeld keine Stressquellen vorhanden sind.

Das sportpsychologische Training kann dir helfen, in schwierigen Situationen schneller wieder ins Lot zu kommen. Das wirkt sich positiv auf dein psychisches und physisches Wohlbefinden aus.

Wenn du dich wohlfühlst, dann bist du auch leistungsfähig.

Fazit

Mentales Training zahlt sich schon vor der Krise aus, weil

  • du damit in deinen optimalen Leistungszustand kommen kannst
  • viele Krisen gar nicht erst entstehen
  • du lernst, mit Druck umzugehen
  • du dich besser motivieren kannst
  • du dich besser aktivieren und beruhigen kannst
  • du deine Bewegungsmuster optimieren kannst
  • du deine Stimmung besser regulieren kannst
  • du deine gewünschte Stimmung auf Knopfdruck herbeiführen kannst
  • du Selbstsicherheit gewinnst
  • dein Selbstwirksamkeitserleben gefördert wird
  • du besser mit Misserfolgen umgehen kannst
  • dein inneres Gleichgewicht gefördert wird
  • es dich in deiner Persönlichkeitsentwicklung unterstützt
  • du Überbeanspruchungen vermeiden kannst
  • du (Körper-)Gefühl entwickelst
  • du Bewegungsmuster einfacher automatisieren kannst
  • du das Unbewusste ins Boot holst
  • deine Leistungsfähigkeit erhöht wird

Wichtig ist nur, dass du selbst mit einem Mentaltrainer oder Sportpsychologen arbeiten willst und es freiwillig machst – sonst hat es keinen Sinn.

Wenn du für dich entscheidest, dass du alle deine Möglichkeiten nutzen möchtest und mentales Training sich für dich auszahlen wird, dann probiere es aus – die Liste oben zeigt dir ja, dass es nichts mit „Defizitbekämpfung“ zu tun hat. 😉

Bis sich die Erfolge mit mentalem Training einstellen, vergeht meistens ein wenig Zeit. Deine Geduld zahlt sich langfristig aus!

Hast du schon Erfahrungen mit mentalem Training gesammelt? Ich freue mich, wenn du diese als Kommentar hinterlässt.

Nutzte deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher geht.

 

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