Noch 400 m …

Ich zapfte meine letzten Reserven an und quetschte jeden Tropfen Energie aus mir heraus.

Wie ich die letzte Runde gelaufen bin, kann ich dir heute nicht mehr erzählen. Es lief einfach – ich war im Flow.

Doch ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich am 29. März 1998 die Ziellinie überquerte.

Direkt nach der Ziellinie riss es mir die Beine auseinander und ich klatschte auf den Bauch. Nach dem Zieleinlauf war die ganze Spannung weg und mich haben die Kräfte verlassen, die ich bis auf den letzten Tropfen in die 10’000 m investiert hatte.

Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, was ich geleistet habe.

Ich rappelte mich auf und schaute mit gummiartigen Beinen auf die Anzeigetafel. Die sechs Zahlen, die ich dort sah, erfüllten mich mit einem RIESIGEN Glücksgefühl.

Doch der Reihe nach.

Unter Druck

Sechs Wochen nach den Olympischen Spielen gab sich die Weltelite noch einmal ein Stelldichein an der Einzelstrecken-WM im Olympic Oval in Calgary, der damals schnellsten Eisbahn der Welt.

Obwohl ich beim 10’000-m-Weltcup in Innsbruck nur den beiden Olympiasiegern Gianni Romme und Bart Veldkamp den Vortritt geben musste, war ich bei den Olympischen 10’000 m nicht am Start. Denn ich hätte mich über die Olympischen 5’000 m für die 10’000 m qualifizieren müssen, was mir in Nagano nicht gelungen ist.

Bei der Einzelstrecken-WM ging es für mich darum, zu zeigen, dass ich zu den Besten in diesem Fach gehöre.

Der selbstauferlegte Druck war riesig. Ich wusste, dass dies meine Chance ist, am Tag X zu zeigen, was ich kann. Und auch die holländischen Journalisten haben ihren Teil dazu beigetragen, dass der Druck auch von aussen stimmte: „Martin, jetzt kannst du zeigen, dass du zu den besten „Stehern“ gehörst.“ Diese Aussage habe ich mehr als einmal gehört.

Ich freute mich auf diese 10’000 m und konnte den Start kaum erwarten.

Natürlich habe ich in der Nacht vor dem Wettkampf auch mein Schlafritual praktiziert. 🙂

Go to the start … ready …

Ich bin gut aufgestanden und bereitete mich mit den üblichen Ritualen auf den grossen Moment vor.

Je näher der Wettkampf kam, desto grösser wurde meine Spannung.

Kurz vor dem Start konnte ich die Spannung kaum mehr aushalten. Ich sehnte den Start so sehr herbei, damit ich die angesammelte Energie endlich rauslassen kann.

Ich war bereit!

Als ich die Kapuze von meinem Wettkampfanzug über den Kopf zog und die Brille aufsetzte, verengte sich mein Fokus.

Jetzt gab es nur noch mich und die Eisbahn. Alles andere rundherum habe ich nur noch schleierhaft wahrgenommen.

Jetzt war ich in meinem Tunnel.

Go to the start …

Ready …

Peng …

Ich lief los und fand schnell meinen Rhythmus und legte meine Runden wie ein Schweizer Uhrwerk zurück.

Nach sechs Runden (2400 m) überschritt meine Herzfrequenz die 200er-Marke. Davon bekam ich jedoch nicht viel mit.

Auch die Rundenzeiten und die Informationen, die mir mein Trainer auf der Gegengeraden mitteilte, habe ich nur vage wahrgenommen.

Es lief einfach.

Maximalpuls

Kurz vor der Hälfte der Distanz erreichte ich meinen Maximalpuls von 208 Schlägen pro Minute. Auch davon habe ich wenig mitbekommen.

Es lief einfach.

Ich hatte einen guten Rhythmus, schnelle Rundenzeiten und ich fühlte mich gut dabei. Ich hatte kein Gefühl mehr für die Zeit.

Als ich drei Runden vor Schluss das erste Mal auf die noch zu laufenden Runden schaute, war ich überrascht, dass ich schon fast im Ziel war. Ich zapfte meine letzten Reserven an.

Wenn man das beim Maximalpuls und einem Laktatwert von fast 20 mmol so sagen kann.

Jetzt gab es nur eins: „All in“.

Ich quetschte alles aus mir raus, was ich noch hatte, und investierte jeden einzelnen Tropfen Energie in die letzte Runde.

Noch 100 m, das Ziel zum Greifen nahe.

Noch 10 m …

Fuss nach vorne …

Und dann ist es passiert.

Nach der Ziellinie hat es mir die Beine auseinandergerissen.

GAME OVER

Ich hatte alle Reserven aufgebraucht und hatte nichts mehr übrig. Was auch nicht sein musste.

Als ich mich aufrappelte und auf die Anzeigetafel schaute, durchströmte es meinen Körper mit einem unglaublichen Glücksgefühl:

13:38:04

Neue persönliche Bestzeit und Schweizer Rekord!

Und ein super Gefühl 🙂

Und es kam noch besser!

Top 10 all time

Die Weltmeisterschaft beendete ich auf dem ausgezeichneten 7. Rang.

Mit der gelaufenen Zeit von 13:38:04 schaffte ich als Neunter den Sprung in die Top 10 der Weltrangliste aller Zeiten – was mich mit Stolz erfüllte.

Ich hatte allen bewiesen, dass ich zu den besten „Stehern“ der Welt gehöre.

Und das schönste an der Geschichte: Ich habe es im Flow erreicht. 🙂

Während dem Wettkampf war ich in einem anderen Bewusstseinszustand, welcher typisch für das Flow-Erleben ist.

Leiden

Da ich mich bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht hatte, kam das Leiden hinterher.

Meine Muskeln haben Tage später noch geschmerzt, weil ich so „tief gegangen“ bin.

Auch wenn ich hinterher ein wenig gelitten habe: Es hat sich gelohnt.

Und wann warst du im Flow?

Das war mein Beitrag zur Blogparade: „Mein schönstes Flow-Erlebnis“.

Erinnerst du dich an deinen schönsten Wettkampf oder dein schönstes Trainingserlebnis, bei dem du Flow erlebt hast?

Ich freue mich, wenn du auch dabei bist und über dein schönstes Flow-Erlebnis schreibst.

Klicke hier für mehr Info, wie du dabei sei kannst.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übringens der Meinung, dass mit mentaler Stärke alles ein wenig einfacher geht.

 

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