„Glaubst du, dass positive Affirmationen nützlich sind?“

Diese Frage hat mir ein junger Athlet an einem Wettkampf zwischen Tür und Angel gestellt.

Ich war ein wenig überrascht, da sie aus heiterem Himmel und unerwartet kam. Doch ich wusste ja, wie man auf eine Frage mit einer Frage antwortet: „Was heisst für dich denn ‚nützlich sein‘?“

„Ähhmmmm, wenn meine Motivation und meine Leistung dann besser sind.“

Ich machte ihm den Vorschlag, dass wir uns nach seinem Wettkampf in Ruhe zusammensetzen.

Er willigte ein und lief mit einem breiten Grinsen von dannen. Das war eine lustige Situation. Für mich war nicht ganz klar, ob er oder ich das Ziel erreicht hat? 😉

Positive Affirmationen

Als wir nach seinem Wettkampf bei einem kühlen Drink unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse sassen, war ich doch sehr neugierig.

Nach ein wenig Smalltalk huschte ein „Schiess los“ über meine Lippen. Das war offensichtlich der richtige Einstieg, denn es sprudelte nur so aus ihm heraus.

„Weisst du, ich habe in einem Mentaltraining-Buch gelesen, dass ich nur positiv denken muss und mit positiven Affirmationen alles schaffen kann. Meine Leistungen werden dadurch automatisch besser werden.

Ich habe mir dann eine solche positive Affirmation gebaut: ‚Ich bin voller Selbstvertrauen – ich schaffe es!‘

Da waren auch noch andere Vorschläge wie

  • Ich bin voll motiviert
  • Ich bin herausragend
  • Ich bin ein Sieger
  • Etc.

Manchmal nutzte ich diese auch. Aber irgendwie hat das bei mir nicht gewirkt. Mehr Selbstvertrauen spüre ich nicht. Mehr geschafft habe ich auch nicht. Und meine Leistungen sind nicht besser geworden.

Ich habe eher das Gefühl, dass es mich blockiert. Ich habe mit einer Kollegin in der Sportklasse darüber gesprochen, die du gut kennst.

Sie hat mir gesagt: ‚Frag mal Martin nach seiner Meinung.‘ Anscheinend siehst du manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel.“

Ich musste schmunzeln.

Tschakka

Ich konnte nicht leugnen, dass ich kein grosser Fan von positiven Affirmationen bin – obwohl im Leistungssport sehr oft damit gearbeitet wird. Die meisten davon werden vom Unbewussten nicht unterstützt.

Die Folge: Es entstehen Zweifel, die kontraproduktiv sind, weil das Unbewusste nicht im Boot ist. Aus diesem Grund gibt es Trainer, die mit indirekten Formulierungen arbeiten.

Im Sinne von

  • Ich kann es schaffen
  • Ich darf ein Sieger sein
  • Ich erlaube mir, herausragend zu sein

Ob das besser ist? Dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen.

Unter Wissenschaftlern ist es ohnehin höchst umstritten, ob positive Affirmationen überhaupt einen positiven Effekt auf Motivation und Leistung haben.

Bei Motivationsgurus, „Tschakka“-Anhängern und in der Ratgeberliteratur geniessen positive Affirmationen einen hohen Stellenwert. Sie stehen in der ersten Reihe, wenn es um Motivation geht.

Ob dich das deinem Ziel näherbringt? Ich habe da meine Zweifel.

Können wir das schaffen?

Kennst du Bob den Baumeister? Die lustige und beliebte Comicfigur aus der gleichnamigen Kinderserie?

Schau dir diese kurze Video-Sequenz an, bevor du weiterliest.

Was fällt dir in diesem Intro auf?

Es wird ein höchst effektives Frage-Antwort-Spiel wiederholt.

Immer bevor Bob mit seinem Team eine Aufgabe anpackt, wird die Frage gestellt: „Können wir das schaffen?“

Forschungsarbeiten führten bei dem Thema zu einer erstaunlichen Erkenntnis.

Sie fanden in mehreren Studien heraus, dass die Grammatik einen entscheidenden Einfluss auf die Motivation hat.

In einer Studie mussten die Probanden Anagramme lösen, also aus den Buchstaben von Wörtern neue Begriffe bilden.

Eine Gruppe musste sich vor dem Lösen der Aufgabe innerlich mehrmals „Ich werde Anagramme lösen“ sagen. Die zweite Gruppe stellte sich innerlich mehrmals die Frage: „Werde ich Anagramme lösen?“

Die zweite Gruppe löste im gleichen Zeitraum 40 % mehr Anagramme! Offensichtlich hat die grammatikalische Struktur einen Einfluss auf das Verhalten.

In einem weiteren Experiment mussten die Studenten zwei Sätze aufschreiben, die offenbar miteinander in keinem Zusammenhang standen. Eine Gruppe formulierte Sätze mit „Ich werde …“, die andere Gruppe begann den Satz mit „Werde ich …“. Anschliessend mussten auch diese die Anagrammaufgaben lösen.

Die Probanden der „Werde ich …“-Gruppe haben dabei bessere Ergebnisse erzielt.

Der Forscher Gaston Godin kam bei einer vergleichbaren Studie zu einem ähnlichen Ergebnis. Dabei ging es darum, sich mehr zu bewegen. Bei der Gruppe, die sich fragte, ob sie sich mehr bewegen würde, wirkte sich das positiv auf das Verhalten aus.

Mehr Motivation

Die Forscher gehen davon aus, dass wir durch die Frageform über unsere Motivation zu der zu lösenden Aufgaben nachdenken.

Demzufolge bringt es wenig, wenn du dir einredest, dass du ein Ziel erreichst.

Du kannst dich eher durch eine Frage motivieren. Die Reaktion auf diese Frage löst bei dir Motivation aus, weil du über die Aufgabe nachdenkst und wie du diese lösen kannst.

Der Effekt dürfte ähnlich wie bei dem mentalen Kontrastieren (MCII-Technik) von Gabriele Öttingen sein. Mehr dazu liest du hier.

Durch die Fragestellung wird deine intrinsische Motivation gefördert. Intrinsische Motivation gibt dir zusätzlichen Schub und eine Extraportion Motivation. Die Folge davon können bessere Leistungen sein.

Denn damit hast du auch das Unbewusste im Boot.

Fazit

Ob du dich mit einer Affirmation oder einer Frage anspornst, hat einen erheblichen Effekt auf deine Motivation.

Mach es wie Bob der Baumeister und frage dich: „Kann ich es schaffen?“
Fragen kostet schliesslich nichts. 😉

Diese Motivationsform hat einen weiteren positiven Effekt für dich. Sie hilft dir, darüber klar zu werden, was du wirklich willst.

Damit schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

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