Mach 39:

Innovative Technik.

Zwei Jahre Entwicklungarbeit.

300 Stunden Windkanaltests.

65 % weniger Luftwiderstand.

Die (Eisschnelllauf-)Welt war gespannt auf den neuen Wunderanzug der US-amerikanischen Eisschnellläufer, der alles Bisherige in den Schatten stellen sollte.

Go for gold

Das mediale Echo auf den mit einem Rüstungskonzern entwickelten Mach-39-Eisschnelllaufanzug ist gross gewesen.

The World’s Fastest Speedskating Suit Has Lockheed Martin DNA

Will Team USA’s High-Tech Speedskating Suit Pay Off In Gold?

High-tech suit aims to give U.S. speedskaters Olympic edge

Der schnellste Eisschnelllaufanzug der Welt in den Händen der US-Amerikaner. Nach den Topleistungen in den vorolympischen Wettkämpfen und dem Weltrekord von Brittany Bowe zwei Monate vor den Olympischen Spielen gehörten die US-Amerikaner über die kürzeren Strecken zu den Favoriten und möglichen Medaillenabräumern.

Gespannt fieberte ich als Co-Kommentator für das Schweizer Fernsehen den ersten Wettkämpfen entgegen.

Wird sich die Innovation der US-Amerikaner in Goldmedaillen auszahlen?

Die Wettkämpfe werden es zeigen.

Die grosse Ernüchterung

Topmotiviert standen die US-Amerikaner am Start. Doch es zeigte sich schon bald, dass sie die Erwartungen nicht erfüllen konnten.

Nachdem auch die aktuelle Weltrekordlhalterin Brittany Bowe und die Ex-Weltrekordlerin Heather Richardson eine Medaille über die 1000 m deutlich verfehlten, war die Krise perfekt.

Ein Sündenbock musste her.

US Speedskating Suit Slow At Olympics

U.S. speed skaters struggle: Are high-tech suits to blame?

U.S. speedskating abandons new high-tech Mach 39 skin suits

Dieser war schnell ausgemacht. Mach 39 war der Grund für die Misere. Wenn das auch nicht so deutlich ausgesprochen wurde.

Mit einer Sondergenehmigung durften die US-Amerikaner die restlichen Wettkämpfe wieder in ihren alten Wettkampfanzügen laufen. Dennoch gingen sie ohne Medaille nach Hause und blieben weit hinter den Erwartungen zurück.

Ein Drama.

Was ist passiert?

Falscher Fokus?

Durch die herausragende Vorsaison mit diversen Podestplätzen in den Welt-Cups und dem Weltrekord von Brittany Bowe waren die Erwartungen an die Athleten hoch.

Die mediale Diskussion um den superschnellen Mach-39-Anzug trug den Rest dazu bei.

Und es passierte etwas Entscheidendes. Nach den schlechten Leistungen (die so schlecht gar nicht waren!) drehte sich alles nur noch um ein Thema: Den Wunderanzug Mach 39

Für die Medien war das ein gefundenes Fressen. Die Journalisten liessen kaum eine Gelegenheit aus, die Athleten darauf anzusprechen.

Das Material stand im Fokus der Aufmerksamkeit. Wegen diesem kamen die Athleten nicht mehr zur Ruhe.

Stell dir vor, du wirst nur noch auf das vermeintliche Problem angesprochen und musst dich andauernd erklären. Leistungsfördernd ist das nicht. Im Gegenteil, du beginnst, an dir und deinem Material zu zweifeln.

Die Unruhe, die dadurch ins US-Team kam, war erheblich. Der zweifache Olympiasieger und 1500-m-Welrekordlhalter Shani Davis brachte es auf den Punkt:

There were too many factors going on. The energy was really bad. I try not to make excuses for my performance, but if we could eliminate all those distractions and I could have put that energy into performing and skating, it would have been a totally different outcome.

Wo sollte dein Fokus sein?

Super Material: Nein danke!

Mach 39 ist ein gutes Lehrstück, das du dir zu Herzen nehmen solltest.

Topmaterial macht noch keinen Olympiasieger.

Noch ein Beispiel gefällig?

Der Niederländer Koen Verwij, auch mit einem superschnellen Anzug unterwegs, verlor die Goldmedaille über 1500 m in Sochi um läppische 3/1000 Sekunden!

Und weisst du, weshalb er seinen Wettkampf verloren hat? Er verkrampfte sich in der letzten Kurve. Der schnelle Anzug konnte die schlecht gelaufene letzte Kurve nicht kompensieren.

Das Material macht aus dir keinen besseren Athleten.

Das Material kann jedoch erhebliche mentale Auswirkungen auf dich haben. Insbesondere dann, wenn es nicht so gut läuft. Dann bekommt das Material von dir oder deinen Konkurrenten sehr schell eine ausserordentlich hohe Aufmerksamkeit.

Bei den Europameisterschaften 2006 hatten die holländischen Eisschnellläufer Probleme mit ihren Wettkampfanzügen. Das war jedoch nicht so wichtig, denn das Material hatte gemäss Jillert Adema (ein holländischer Trainer) keinen Einfluss auf die Leistung der Athleten.

Das Problem war ein anderes: Sie haben das Vertrauen in ihre Anzüge verloren!

Genau das war auch das Problem der US-Eisschnellläufer in Sochi.

Sie haben das Vertrauen in ihren Mach 39 verloren. Das super Material wurde zum mentalen Fallbeil.

Vertraue dir und deinen Fähigkeiten

An erster Stelle stehst du und deine Fähigkeiten.

Mit welchem Material du deine Leistung bringst, spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass du am Tag X dein volles Leistungspotenzial ausschöpfst.

In dieser Beziehung kannst du einiges von dem namibischen Radfahrer Dan Craven lernen.

Er wurde in Rio 2016 24 Stunden vor dem Start sehr überraschend für das olympische Zeitfahren aufgeboten.

Das richtige Material (Zeitfahrrad, Aerohelm etc.) konnte er in der Kürze der Zeit nicht auftreiben. Optimal vorbereitet war er auch nicht. Er rechnete nicht mit einem Start im olympischen Zeitfahren.

Wie er das mental meisterte, war beeindruckend!

Er haderte nicht damit, dass ihm das richtige Material fehlte, sondern fokussierte sich auf das Rennen und seine Leistung.

Mental war das eine Meisterleistung.

In Anbetracht seines Materials und der Kürze der Vorbereitung war seine Leistung beeindruckend! In der Kürze der Zeit hat er sich optimal auf den Wettkampf eingestellt und am Tag X seine Leistung abgerufen.

Schau dir dazu das folgende Video an

Faktor Mensch

Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür. Und schon wieder beginnt das Spiel mit dem Material. Angeblich haben die holländischen Eisschnellläufer wieder einen superschnellen Anzug, der alles Bisherige in den Schatten stellt.

Und auch in anderen Sportarten wird (zu) viel über das Material gesprochen.

Ein schneller Wettkampfanzug oder ein schneller Ski macht noch keinen Olympiasieger.

Auch im Zeitalter der Hightechmaterialien und Innovationen gibt es einen Faktor, der die Leistung weitaus stärker beeinflusst als sämtliche Hightech-Innovationen.

Der Mensch!

Eine schlechte Technik, mangelnde Fitness oder fehlende mentale Stärke können nie mit Hightechmaterial aufgewogen werden.

Investiere besser in dich als in tote Materie!

Wenn du gut vorbereitet und mental stark bist, kannst du jede Situation meistern und besser sein, wenn’s zählt!

Fazit

Top-Material kann zum mentalen Fallbeil werden, wenn du das Vertrauen in dein Material und in dich verlierst.

Mental starke Athleten

  • machen sich nicht vom Material abhängig,
  • fokussieren sich auf ihre Leistung,
  • machen immer das Beste aus der Situation,
  • sind selbstwirksam und wissen, dass sie es selber in der Hand haben,
  • trainieren ihre mentalen Fähigkeiten regelmässig,
  • sind bereit, wenn es zählt,
  • und glauben an sich.

Glaubst du an dich oder an dein Material?

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit mentaler Stärke alles ein wenig einfacher geht.

PPS: Und wenn du das Unbewusste im Boot hast, geht es noch besser.

​Autogenes Training: ​​​ruhig, widerstands- und leistungsfähig