„Fokus? Genau dieser Punkt bereitet mir grosse Schwierigkeiten.

Nicht im Wettkampf, sondern im Training und im Alltag. Es gibt viel zu tun, da ich noch zur Schule gehe, Prüfungen schreiben muss und dann wieder Trainingslager habe.

Dann verliere ich zum Teil den Fokus und hänge mit meinen Gedanken noch bei dem, was ich noch erledigen sollte, anstatt voll beim Training zu sein.

Ich habe das Gefühl, ich hetze von der Schule ins Training, nach Hause, in die Schule, wieder ins Training, und wenn ich Glück habe, dann kann ich einmal in aller Ruhe eine Mahlzeit geniessen.“

Diese Zeilen hat mir eine junge Athletin letzte Woche kurz nach der Veröffentlichung meines Blogposts geschrieben.

Kommt dir das bekannt vor?

Bekanntes Übel

Viele junge Athleten wie du haben ein sehr dicht gedrängtes Programm, das wenig Zeit zum Luftholen lässt. Kaum bist du mit etwas fertig, steht schon das nächste To-do vor der Tür.

Du rennst von einer Aufgabe zur nächsten. Jede hinterlässt eine Spur. Wenn du nun den ganzen Tag alles nahtlos aneinanderreihst, dann wird das zum Problem.

Während meiner Ausbildung habe ich das auch erlebt. Ich kann den Eindruck der jungen Dame gut nachfühlen. Immerhin bekam ich während meiner Ausbildung eine Dispens für den Turnunterricht. Diese Zeit durfte ich für mein Training nutzen.

Und auch ich war in Gedanken nicht immer bei der Sache. Vor allem, wenn eine Prüfung bevorstand oder andere Probleme akut waren. In diesen Momenten stieg die gefühlte Belastung und das Kopfkino lief auf Hochtouren.

Der Fokus für die Aufgabe und das „Hier und Jetzt“ wurde in dem Moment zum theoretischen Konstrukt.

Kultur des Augenblicks

Das Wichtigste in deinem Leben passiert jetzt! Nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft.

Du handelst immer in der Gegenwart.

Gedanklich kannst du an vielen Orten gleichzeitig sein. Im letzten Trainingslager, im Urlaub, bei der bevorstehenden Abschlussprüfung etc. Es hilft dir jedoch wenig, wenn du dich im Training gedanklich mit der bevorstehenden Prüfung befasst und im Schulzimmer bist. Weil du nicht da bist!

Körperlich kannst du immer nur an einem Ort sein.

Hier ist die Gegenwart! Also da, wo du jetzt gerade bist und diese Zeilen liest. Wenn du schon körperlich hier bist, kannst du doch mit deinen Gedanken und deinem Gefühl auch hier sein. Nicht?

Was passiert, wenn du das tust?

Du verlierst das Zeitgefühl und gehst komplett auf in dem, was du tust. Du hast das schon x-mal erlebt. Im Training, im Wettkampf, bei Prüfungen oder auch beim Lesen.

Wie schnell die Zeit vergangen ist, merkst du dann hinterher, weil du Flow erlebt hast.

Das Geheimnis: Lebe den Augenblick – jetzt! 😉

Dann hast du auch das Unbewusste im Boot.

Fokussiert in 6 Schritten

Diesen Moment und den damit verbundenen Fokus kannst du in wenigen Schritten und mit einem einfachen Trick erreichen.

50_Fokus_Schleuse

1. Arbeitsbereiche festlegen

Notiere dir alle Bereiche, in denen du dich aufhältst, arbeitest, trainierst, lernst etc. auf einem Blatt Papier

  • Schule, Hörsaal
  • Wohnung (Wohnzimmer, mein Zimmer, Küche)
  • Haus der Grossmutter
  • Sporthalle, Schwimmbad, Kraftraum etc.
  • Mensa
  • etc.

2. Inseln schaffen

Unterteile deine Arbeitsbereiche ganz bewusst in Inseln und zeichne diese auf ein neues Blatt Papier. Jeder Bereich bekommt seine eigene Insel. Du kannst aus der Wohnung oder aus einer Sporthalle auch eine kleine Inselgruppe machen.

Dann sind zum Beispiel das Wohnzimmer, dein Zimmer und die Küche eine Inselgruppe.

3. Aufgaben festlegen

Notiere dir, welche Aufgaben zu welcher Insel gehören. Idealerweise machst du deine Aufgaben immer am gleichen Ort. Dadurch kommst du schneller in die entsprechende „Arbeitshaltung“.

  • Mein Zimmer: Hausaufgaben
  • Wohnzimmer: Relaxen/Kontakte pflegen
  • Sporthalle: Technik-Training/Ausdauer
  • Krafttraum: Krafttraining
  • Mensa: nur Essen und plaudern

4. Schleusen anlegen

Installiere Schleusen zwischen deinen Inseln und zeichne diese auf dem Blatt ein. Das kann die Fahrt im Bus sein, ein Spaziergang oder eine Entspannungsübung. Dazu ist alles geeignet, das dir hilft, deine letzte Aufgabe hinter dir zu lassen und die neue Insel zu betreten, ohne sie mit dem Material der anderen zu verschmutzen.

Schleusen geben dir die Möglichkeit, dich zwischen zwei Aufgaben zu erholen.

Eine Schleuse ist nichts anders als ein Raum zwischen zwei Systemen, der dir den Wechsel vom einen ins andere System erleichtert.

Du kannst dir das Vorstellen wie die Kupplung beim Auto. Wenn vom einen in den anderen Gang geschaltet wird, dann wird die Kupplung gedrückt. Der Motor läuft kurz im Leerlauf, bevor die Zahnräder wieder greifen.

Vergisst du die Kupplung, dann gibt es ein Problem. Zwei Gänge können nicht gleichzeitig laufen.

Dämmert es dir? Bei dir ist das nicht anders. Zwischen deinen Aufgaben brauchst du Erholung. In diesem Sinne ist ein Leerlauf eine gute Sache.

Danach bist du wieder fit für die neue Aufgabe.

4. Störquellen eliminieren

Elimiminiere Störquellen wie Social Media, Handy etc., wenn du eine andere Insel betrittst und die neue Aufgabe in Angriff nimmst. Alles, was dich von der bevorstehenden Aufgabe ablenken kann, wird verbannt. Auch Personen, die dich unterbrechen, darfst du zurückweisen.

Ein „Jetzt nicht!“ wird jeder verstehen

5. Rituale nutzen

Entwickle Rituale und Gewohnheiten. Rituale geben dir Sicherheit. Mach beispielsweise den Weg von der Schule ins Training zu einem Ritual. Rauslaufen, Kopfhörer auf und die Playlist „Entspannung“ hören, Entspannungsatmen oder was in dem Moment für dich passend ist.

6. Lebe den Augenblick

Jetzt bist du soweit. Wenn dein Kopf wieder frei ist, lebst du den nächsten Augenblick.

Den Augenblick und das „Hier und Jetzt“ leben hat sehr viel mit Genuss zu tun.

Stell dir einen heissen Sommertag vor.

  • Du kommst durstig zurück vom Training.
  • Du schenkst dir ein Glas von deinem Lieblingsgetränk ein.
  • Du setzt das Glas an die Lippen an und kippst es.
  • Du spürst, wie das kühle Nass deine Lippen berührt,
  • den Mund füllt und
  • deine Kehle herunterrinnt.
  • Du setzt das Glas ab und
  • es kommt ein wohliges „Aaaaah“ aus deinem Mund.

Erinnerst du dich? Das Beste an der ganzen Geschichte ist der erste Schluck. In dem Moment bist du mit all deinen Sinnen in der Gegenwart.

Körper, Kopf und Gefühl sind jetzt an einem Ort. Ganz bei der Sache und fokussiert auf das, was kommt – den ersten Schluck.

Fazit

Inseln und die dazugehörige Aufgabe unterstützen dich dabei, am richtigen Ort in der richtigen Verfassung zu sein.

Wenn du auf dem Weg von einer Insel zur anderen bewusst durch die Schleuse gehst, dann machst du dich frei für die nächste Aufgabe. Dort angekommen kannst du dich mit deiner ungeteilten Aufmerksamkeit der nächsten Aufgabe widmen.

Denk daran: Du kannst immer nur an einem Ort sein! An diesem Ort bist bist du mit Kopf, Körper und Gefühl.

Lebe den Augenblick und nutze deine Möglichkeiten

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher geht

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