Wenn du als Athlet erfolgreich werden willst, brauchst du viel Talent. Das ist klar.

Wie kommt es dann, dass so viele Talente auf halber Strecke versauern und im Niemandsland verschwinden?

Lange schien es dafür eine einfache Erklärung zu geben: Die 10’000-Stunden-Regel von Anders Ericsson.

Diese geht davon aus, dass du mindestens 10’000 Stunden trainieren musst, bis du ein Experte bist respektive Weltklasse-Niveau erreicht hast. D.h. 20 Stunden Training pro Woche während 10 Jahren machen also aus jedem einen Weltklasse-Athleten. Diese Rechnung geht offensichtlich nicht auf.

Manche erreichen bereits viel früher ein Weltklasse-Level, andere hingegen nie. Das kann also nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Tschüss, Training

Ein Forscherteam um Brooke Macnamara hat sich 88 Studien angeschaut, um herauszufinden, wie gross der Faktor Training (Übung) auf die spätere Leistung ist. Die Ergebnisse haben sie 2014 im Journal Psychological Science veröffentlicht.

Das Ergebnis dürfte auch dich überraschen. Sie haben in ihrer Meta-Analyse (so nennen Wissenschaftler die Analyse und Auswertung von bereits bestehenden Studien) herausgefunden, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen Training und Leistung gibt. Dieser ist jedoch weitaus geringer, als bisher angenommen wurde.

Bei Turnieren in Spielsportarten wirkte sich das langjährige Training nur bei 26 % der Athleten auf den Erfolg aus. Bei Athleten aus Einzelsportarten fiel die Quote mit 18 % noch geringer aus.

Für die Verfechter der 10’000-Stunden-Regel mag das jetzt sehr enttäuschend klingen.

Wenn es nicht nur Talent und das Training sind, die dich zu einem Weltklasse-Athleten machen … was braucht es dann?

Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke hat dazu in einem Vortrag, den ich beim Weiterbildungsforum in Schaffhausen gehört habe, eine spannende Antwort geliefert. Diese habe ich auf den Sport umgemünzt.

3 Erfolgsfaktoren

Können

Damit du ein Top-Niveau erreichen kannst, musst du deinen Sport im Griff haben. Das ist selbstredend. Die Lerngeschwindigkeit ist jedoch nicht bei jedem Athleten identisch. Diese entwickeln sich unterschiedlich entsprechend ihrer Fähigkeiten. Oft ergeben sich Leistungsdifferenzen in Jugendjahren alleine aufgrund des körperlichen Entwicklungsstandes und sagen wenig über das effektive Können aus.

Natürlich brauchst du ein gewisses Mass an sportartspezifischen Voraussetzungen, damit du das erforderliche Können entwickeln kannst.

Möglichkeiten

Gute Rahmenbedingungen sind im Sport ein wichtiger Faktor. Eltern, die dich unterstützen, finanzielle Möglichkeiten, eine sportartenfreundliche Infrastruktur sowie ein Umfeld, in dem Top-Leistungen möglich sind.

Wollen

Dann ist da noch die Motivation, die über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Ob du selber willst oder ob jemand anders möchte, dass du willst … macht einen grossen Unterschied. Hier trennt sich in der Regel die Spreu vom Weizen.

Aus diesen drei Faktoren ergibt sich eine einfache und plausible Formel.

Wollen x Können x Möglichkeiten = Leistung

Nehmen wir Roger Federer in jungen Jahren als Beispiel.
Diese Faktoren setzen wir bei den Punkten Können, Möglichkeiten und Wollen in die Gleichung ein:
Gute Voraussetzungen: 1,0
Durchschnittliche Voraussetzungen: 0,5
Schlechte Voraussetzungen: 0,0

  • Roger Federer war schon in jungen Jahren (und ist es heute noch) ein begabter Tennisspieler. Setzen wir den Faktor 1,0 für sein Können ein.
  • Er kommt aus einem Elternhaus, das ihm Top-Möglichkeiten bieten konnte. Auch hier nehmen wir den Faktor 1,0
  • Und Roger Federer war hochmotiviert, was sich schon früh auf dem Platz zeigte. Das gibt den Faktor 1,0 für Wollen.

Machen wir die Gleichung: Wollen 1,0 x Können 1,0 x Möglichkeiten 1,0 = Leistung 1.0

Stell dir Roger Federer mit Top-Möglichkeiten, einem herausragenden Können und null Bock vor.

Das schaut dann so aus: Wollen 0,0 x Können 1,0 x Möglichkeiten 1,0 = Leistung 0,0

Fällt dir etwas auf? Das Ergebnis ist NULL

Das Ergebnis für einen hochmotivierten und durchschnittlich begabten Athleten fällt in jedem Fall höher aus.

Wollen 1,0 x Können 0,5 x Möglichkeiten 1,0 = Leistung 0,5

Bleiben wir beim Tennis. Ivan Lendl und Stan Wawrinka gelten beide nicht als Supertalente. Sie haben jedoch mit viel Motivation ihre Möglichkeiten genutzt und Grand-Slam-Turniere gewonnen.

Tschüss, Supertalent

Die Formel von Lutz Jäncke bringt es sehr gut auf den Punkt.

Ist das die Erklärung dafür, dass so viele „Supertalente“ auf halber Strecke versauern?

Erfolg = Motivation?

Erfolg ist demzufolge davon abhängig, wie motiviert du bist und wie du deine Möglichkeiten nutzt.

Manche trainieren viel und brauchen wenig Regeneration, andere brauchen mehr Regeneration und müssen gezielter trainieren. Etwas brauchen jedoch beide: Motivation!

Es gibt kein „one size fits all“ im Sport. Jeder Athlet ist eine individuelle Persönlichkeit mit seinen eigenen Stärken, Möglichkeiten, bewussten und unbewussten Motiven und seinen persönlichen Zielen.

Ich sage ganz bewusst: seinen Zielen! Das sind die einzigen, die relevant sind.

Jeder Erfolg ist abhängig von deinem Wollen und deiner Motivation. Wenn du keine Lust hast, helfen dir dein Können und die besten Möglichkeiten herzlich wenig. Langfristig kannst du damit nicht erfolgreich sein.

Deine Motivation

Du hast zwei unabhängig voneinander funktionierende Motivsysteme, die sich ergänzen und Motivation erzeugen.

Einerseits sind das deine unbewussten (impliziten) Motive, die durch frühkindliche Erfahrungen entstehen und spontan durch „natürliche Auslöser“ wie Bedürfnisse und/oder bestimmte Situationen ausgelöst werden.

Wenn du beispielsweise das Bedürfnis nach Nähe zu einer vertrauten Person hast, gehst du auf diese zu. Das geschieht unbewusst, ohne dass du weisst, warum.

Unbewusste Motive sind zeitlich überdauernde Persönlichkeitsmerkmale, die durch Erfahrung entstehen.

Bewusste (explizite) Motive sind hingegen stark mit deinen Erwartungen und deinen bewussten Zielen verbunden. Sie gehören zu deinem Selbstkonzept. Also wie du gerne sein und was du erreichen möchtest.

Einfach gesagt steuern unbewusste Motive dein Verhalten und die bewussten Motive geben diesem Verhalten eine Richtung.

Du hast beispielsweise den inneren (unbewussten) Drang, dich stetig zu verbessern. Das beruht auf Eigeninitiative und gibt deinem Verhalten langfristig Energie. Mit dem bewussten Ziel, nationaler Meister zu werden oder an Olympischen Spielen teilzunehmen, gibst du deinem Verhalten eine bewusste Richtung.

Auch hier zeigt sich wieder, dass du das Unbewusste im Boot haben musst, wenn du langfristig erfolgreich sein möchtest.

Fazit

Du musst kein Supertalent sein, damit du es im Sport weit bringen kannst.

Du brauchst vor allem Motivation, gute Möglichkeiten und ein der Sportart angepasstes Können. Letzteres kannst du zu einem grossen Teil lernen. Und in vielen Bereichen kannst du Möglichkeiten schaffen. Wenn du dazu motiviert bist.

Leistung = Wollen x Können x Möglichkeiten

Schon mancher Athlet hat es mit suboptimalen Voraussetzungen sehr weit gebracht, weil er es wollte.

Das heisst auch, dass die Trainer gefordert sind. Ihre Athleten sollten sie individuell und ihren Möglichkeiten entsprechend fördern und fordern. Deshalb gehören die besten Trainer in den Nachwuchssport!

Es geht also nicht darum, einfach bis zum Umfallen zu trainieren, sondern darum, das Richtige zu trainieren. Dazu gehört zweifelsohne auch das mentale und sportpsychologische Training.

Wenn du dann noch deine unbewussten Motive kennst, kannst du die Quellen deiner Motivation gezielt einsetzen.

Woher nimmst du deine Motivation?

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass Körper und Kopf trainiert werden müssen.

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