Dein Unbewusstes macht keine Fehler!

Diese Erfahrung machen Ski-Rennfahrer immer wieder. Die Abfahrts- und Slalomweltmeister Beat Feuz und Marcel Hirscher haben das in Interviews sehr treffend formuliert:

„Du korrigierst mit irgendeinem Reflex, der mit dem Hirn nichts mehr zu tun hat. Es gibt Läufe, die schaue ich mir nachher am Video an und kapier sie nicht. Da mach ich Sachen, die ich nicht kann. Schladming, WM, zweiter Durchgang, den Lauf glaub ich mir heute noch nicht.“ –Marcel Hirscher

„Man darf sich nicht verunsichern lassen und auch nicht verbissen fahren, sondern muss alles spielerisch angehen. Das entspricht mir. Klar schaue ich alles auf Video an und studiere die Piste bei der Besichtigung, aber im Rennen darf man sich nicht auf das versteifen, was man im Kopf hat. Man muss mit Instinkt fahren.“ – Beat Feuz

Wie du unschwer feststellen kannst, sprechen die beiden nicht vom Unbewussten, sondern von Instinkt und Reflex.

Der Unterschied zwischen den guten und den schlechten Fahrern besteht darin, dass die guten sich am Tag X auf ihr Unbewusstes und ihre Automatismen verlassen.

Wenn du denkst, hast du verloren!

Mit Leichtigkeit

Wenn Marcel Hirscher, Beat Feuz oder Mikaela Shiffrin die Piste hinunter heizen, geschieht das mit einer unglaublichen Leichtigkeit, die bei den Zuschauern Staunen und offene Münder verursacht.

Selbst nach einem „Ruckler“ finden die Cracks mit einer spielerischen Leichtigkeit schnell wieder in ihren Rhythmus und ziehen ihr Ding durch.

Ich weiss, das klingt paradox.

Top-Athleten verlassen sich auf ihr Unbewusstes, ihre Automatismen und ihre mentalen Fähigkeiten. Darum schaffen sie (fast) jede schwere Piste mit Leichtigkeit.

Mit welcher Leichtigkeit sie Fehler wegstecken und schnell eine passende Lösung für den weiteren Rennverlauf finden, ist für mich immer wieder beeindruckend.

Kreative Lösungen

Im Vergleich zu einem Eisschnellläufer oder einem Ruderer, bei denen sich der Bewegungsablauf mehrfach wiederholt, sind Ski-Rennfahrer noch mit anderen Herausforderungen konfrontiert.

Als Eisschnellläufer musst du dich „nur“ auf unterschiedliche Eisbedingungen und den Wind bei Outdoor-Wettkämpfen einstellen. Da die Unterlage glatt ist, bietet sie keine Überraschungen. Der Bewegungsablauf verändert sich nicht. Abhängig vom Wind und/oder den Eisbedingungen passen wir den Rhythmus an.

Bei einem Ski-Rennläufer präsentiert sich die Situation anders. Unterlage, Sicht, Schneeverhältnisse, Gräben in der Piste, unterschiedliches Gefälle, Kurssetzung etc. verändern sich von Ort zu Ort, von Piste zu Piste, von Lauf zu Lauf und abhängig vom Wetter und Temperatur von Minute zu Minute.

Wie zum Beispiel der Schwung zum Hang angesetzt wird, ist abhängig von den Eigenheiten des Hangs (steil, flach, abfallend etc.).

Das braucht viel Training, Erfahrung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und mentale Stärke, damit du in jeder Situation instinktiv mit einer kreativen Lösung agieren und reagieren kannst.

Je mehr das trainiert wird, desto besser wird ein Ski-Rennfahrer. Logisch, oder? Darum sieht man im Internet viele Videos von Ski-Rennläufern beim sensomotorischen Training.

Mit mentalem Training kannst du deine Entwicklung unterstützen und dich auf herausfordernde Situationen wie z.B. einen schwierigen Lauf vorbereiten. Dann hält dein Unbewusstes für dich immer eine gute Lösung bereit.

Visualisieren

„Mentales Training ist das planmässige, wiederholte, bewusste Sichvorstellen einer sportlichen Handlung ohne deren gleichzeitige praktische Ausführung.“

So beschreibt der Sportpsychologe Hans Eberspächer das mentale Training im Sport.

Lindsey Vonn sagte, dass sie kein mentales Training macht. Sie lügt!

In einem Interview von ihr habe ich gelesen, dass Visualisieren ihr Programm ist. Sie prägt sich die Strecke bei der Besichtigung genau ein und fährt sie beim Visualisieren x-mal vor dem inneren Auge ab. Weil es für sie wichtig ist, dass sie genau weiss, wo sie langfährt. Sie fokussiert sich mental auf die Ideallinie.

Fällt dir etwas auf?

Auch wenn sie das nicht mit einem Sportpsychologen oder Mentaltrainer durchführt – sie macht es planmässig, wiederholt und bewusst. Damit stellt sie ihr Unbewusstes auf die neue Situation ein.

Von Beat Feuz und Marcel Hirscher habe ich auch schon Fernsehbilder beim Visualisieren gesehen.

Auch wenn viele Athleten betonen, dass sie kein mentales Training machen … erzählen sie dir nur die halbe Wahrheit.

Für Ski-Rennläufer (und viele andere auch) ist das Visualisieren ein wichtiger Bestandteil für den Erfolg. Damit stellen sie ihr Unbewusstes auf die bevorstehende Aufgabe ein, damit sie den Lauf mit traumwandlerischer Sicherheit bewältigen können.

Mentales Training funktioniert!

Wenn du Ski-Rennläufer bist, kannst du die Probe aufs Exempel machen. Fahre einen Lauf, ohne diesen vorher zu visualisieren, und einen anderen Lauf, den du nach der Besichtigung intensiv visualisierst.

In welcher Situation erzielst du das bessere Ergebnis?

Noch besser, ich gebe dir ein Beispiel, das du gleich ausprobieren kannst.

Hochseilakt

Beat Feuz und Marcel Hirscher sagen von sich, dass sie kein mentales Training machen.

Warum mentales Training und das Unbewusste eine entscheidende Rolle spielen, haben sie dennoch sehr gut verstanden.

Marcel Hirscher verwendet dabei eine Bildsprache, die ich von dem Sportpsychologen Hans Eberspächer kenne. In einem Interview gegenüber dem Magazin SkiWelt beantwortete er die Frage, wie die Spannung vor dem entscheidenden Lauf sei, folgendermassen:

„Das ist, als ob man über ein Seil balancieren muss, das in 50 Meter Höhe gespannt ist. Man weiß, dass man es kann – aber man weiß nicht, ob es klappt. Doch im Endeffekt geht es immer nur ums Skifahren. Egal, ob man vor fünfzig Leuten fährt oder vor 50.000 – es ist immer das gleiche Rennen. Natürlich erhält man, wenn es um den Weltcup geht, andere Eindrücke als bei einem Rennen, bei dem es um weniger geht. Aber am Ende des Tages geht es ganz schlicht und einfach nur darum, wer am schnellsten im Ziel ist.“

Im letzten Satz gibt er einen Hinweis auf eines seiner handlungsleitenden Motive. Hast du das Motiv erkannt?

Wenn deine Automatismen sitzen und du dich auf das fokussierst, was zu tun ist, hast du mehr als die halbe Miete im Sack.

Schwierig wird es dann, wenn du dir (mit dem Verstand) über die Konsequenzen von einem Misslingen Gedanken machst. Dann machst du Fehler, weil du dir, deinen Fähigkeiten und deinem Unbewussten nicht mehr vertraust.

Du hast den Fokus nicht mehr dort, wo er sein sollte, bei dem, was du kannst, sondern bei den möglichen Konsequenzen. Das ist unnötiger Ballast, der dich in die Tiefe zieht.

Du kannst immer nur das abrufen, was du jetzt gerade kannst. Wenn du etwas noch nicht kannst, kannst du nach den Meisterschaften wieder trainieren und dich verbessern, wie sich das Wendy Holdener zum Ziel gesetzt hat:

„Das nächste Ziel ist ein Sieg im Slalom. Und ich will mich im Riesenslalom verbessern. Viel weiter habe ich nicht überlegt. Es gibt derzeit so viel, das ich abhaken kann auf der Liste meiner Träume.“ (Aargauer Zeitung)

Fazit

Dein Unbewusstes ist eine wichtige Ressource für dich.

Dein Unbewusstes spult deine Software-Skripts mit traumwandlerischer Sicherheit und fehlerfrei ab.

Wenn ein Bewegungsmuster noch nicht perfekt automatisiert ist, dann liegt das nicht daran, dass dein Unbewusstes schlecht funktioniert.

Du kannst immer nur das abrufen, was du jetzt in diesem Moment kannst. Was du gerne können möchtest, hat im Wettkampf keine Relevanz.

Sind das Software-Skript und die Automatismen noch nicht gefestigt, trainierst du weiter. Mit mentalem Training kannst du das zusätzlich unterstützen.

Dein Unbewusstes hat für dich in jeder Situation eine gute Lösung bereit, wenn du ihm und deinen Fähigkeiten vertraust.

Dann wird der Hochseilakt zum Genuss, weil du nur noch den Moment lebst.

Euer Bewußtes dürfte mit meinem Unterbewußten nicht viel anfangen können. Aber auf mein Unterbewußtes vertraue ich blind. Es wird mit eurem Bewußten schon fertig. – Karl Kraus

In welchen Situationen kannst du dich schon 100 % auf dein Unbewusstes verlassen? Wo funkt der Verstand noch dazwischen?

Hinterlasse mir deine Erfahrungen als Kommentar. Ich freue mich darauf.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass du mit dem Unbewussten im Boot mental stark bist.

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