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„Ich verstehe das nicht, Andrea wächst in der Staffel immer über sich hinaus. Ist sie jedoch alleine auf der Bahn, kommt sie nicht annähernd an ihre Staffel-Leistungen heran.“

Dies erzählte mir der Trainier von Andrea ein wenig ratlos.

Hast du als Trainer Athleten in deinem Team, die in Staffel- und Teamwettkämpfen regelmässig über sich hinauswachsen? Die in Einzelwettkämpfen jedoch nur durchschnittliche Leistungen bringen?

Wäre es nicht erstrebenswert, wenn diese Athleten ihr volles Leistungspotenzial auch in den Einzelwettkämpfen abrufen könnten?

Jeder tickt anders

Athleten ticken sehr unterschiedlich. Selbst wenn sie alle das gleiche Ziel haben, nämlich im Wettkampf über sich hinauszuwachsen – wie die Motivation dazu bereitgestellt wird, kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen.

Dabei spielen die unbewussten Motive eine tragende Rolle.

Wenn du schon eine Weile bei mir mitliest, ist dir bestimmt schon aufgefallen, dass die unbewussten Motive in meinen Artikeln immer wieder auftauchen.

In den nächsten Wochen werde ich den unbewussten Motiven viel Raum geben, damit du siehst, wie du sie für die Leistung deiner Athleten nutzen kannst.

Geboren für die Staffel

Gute Staffelathleten sind oft hervorragende Teamplayer, die im Sog des Teams über sich hinauswachsen oder dieses zu Höchstleistungen anspornen können. Durch ihre umgängliche und offene Art sind sie im Team gern gesehen.

Bei Andrea ist das nicht anders. Sie ist ein Sonnenschein, der für alle ein offenes Ohr hat und sehr beliebt ist. Ohne sie würde dem Team etwas fehlen.

Im Training macht sie selten einen „Grind“. Und sie bringt (fast) immer eine gute Stimmung ins Team. Kritisch wird es, wenn der Haussegen schief hängt. Das wirkt sich negativ auf ihre Leistung aus.

Andrea ist immer für einen Schwatz zu haben und ist da, wenn jemand Trost braucht. Dabei können ihre Bedürfnisse auch einmal in den Hintergrund treten.

Athleten, die wie Andrea ticken, haben oft ein sehr stark ausgeprägtes unbewusstes Beziehungsmotiv. Warum sie so handeln, können sie in den meisten Fällen nicht erklären. Denn sie tun es unbewusst, weil es für sie stimmt und sie daraus Energie ziehen.

Manche Trainer könnten bei Athletinnen wie Andrea zum Schluss kommen, dass diese gar nicht leisten wollen. Denn bei stark beziehungsmotivierten Athleten steht die Beziehung zu den anderen und nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund.

Unbewusste Motive: deine Antreiber

Motive (kommt vom lateinischen Wort movere = bewegen) werden dann angeregt, wenn dein IST-Zustand vom SOLL-Zustand abweicht und dein psychisches Wohlbefinden gesichert werden muss. Einfach gesagt, wenn ein Bedürfnis befriedigt oder ein Ziel erreicht werden muss.

Dabei kann die Angst, ein Ziel nicht zu erreichen, und der Wunsch, die damit verbundenen negativen Emotionen zu vermeiden, genauso viel Energie freisetzen wie die Hoffnung, bei Zielerreichung mit positiven Emotionen belohnt zu werden.

Wenn Andrea beispielsweise Angst hat, alleine zu sein, wird sie alles unternehmen, damit sie das Gefühl der Einsamkeit vermeidet, und sie wird auf ihre Teamkolleginnen zugehen. Sieht sie ihre gute Freundin Laura, wird es ihr warm ums Herz. Die Hoffnung auf eine gute Zeit mit ihr gibt ihr die Energie, mit einem Lachen auf sie zuzugehen.

Das geschieht spontan, ohne dass ihr das bewusst ist.

Es braucht immer einen Anreiz, damit unbewusste Motive angeregt werden. Das kann ein Bedürfnis sein, das von innen heraus entsteht, oder eine Umweltsituation.

Dabei werden nebst deinen Bedürfnissen auch deine gemachten Erfahrungen berücksichtigt, z.B.: „In welcher Umgebung konnte ich ein Bedürfnis schon befriedigen und welches Verhalten war dafür geeignet?“

Am Beispiel von Andrea: Laura lächelt Andrea auf dem Sportplatz an, diese geht auf Laura zu und umarmt sie.

Eine spezifische Situation und/oder ein Bedürfnis können ein Motiv aktivieren.

Unbewusste Motive sind Erfahrungsnetzwerke, die dein Verhalten aufgrund deiner persönlichen Erfahrungen steuern.

Unbewussten Motiven auf die Spur zu kommen, ist nicht ganz einfach, da sie eben unbewusst sind. Das geht nur mit projektiven Tests wie zum Beispiel dem Operanten Motivtest (ausserhalb des Sports) oder dem Sportmotivtest.

Letzterer ist derzeit der einzige verfügbare Test, der unbewusste Sportmotive (Macht, Leistung, Beziehung, Freiheit) und ihre Umsetzungsstile messen kann. Alle anderen verfügbaren Tests zur Messung unbewusster Motive sind für den Sport ungeeignet.

Wir starten also heute mit dem Beziehungsmotiv (oder Anschlussmotiv).

Kraftquelle Beziehungsmotiv

Für beziehungsmotivierte Athletinnen wie Andrea stehen der persönliche Kontakt und der Mensch im Vordergrund. Dabei sind die Teamkollegen nicht Mittel zum Zweck, wie das beispielsweise bei leistungsorientierten Athleten der Fall sein kann.

Andrea holt sich ihre Energie aus dem Kontakt mit anderen und aus den freundschaftlichen Beziehungen zu ihren Teamkolleginnen. Für sie spielt die Harmonie im Team eine tragende Rolle.

Solange es auf Beziehungsebene passt und ihr unbewusstes Beziehungsmotiv befriedigt ist, geht es ihr gut. Dann stimmt auch ihre Leistung. Bei teaminternen Spannungen kommt dieses Gefüge schnell ins Wanken und ihr unbewusstes Beziehungsmotiv frustriert. Dann versucht Andrea, die Harmonie (SOLL-Zustand) mit allen Mitteln wieder herzustellen. Das kann für ihre Kolleginnen auch nervig sein. 😉

Ihr unbewusstes Beziehungsmotiv steuert dieses Verhalten, ohne dass es Andrea bewusst ist.

Andrea vertraut anderen sehr schnell und unterstützt diese emotional. Zudem kann sie sich schnell für andere Ideen und Vorstellungen begeistern. Nein zu sagen und persönliche Bitten abzuschlagen gehört nicht zu ihren Stärken.

Das Beziehungsmotiv gibt Andrea die Kraft, auf andere zuzugehen und Beziehungen zu gestalten. Das lässt sie Nähe, Geborgenheit und Sicherheit erleben.

Das ist Andrea

  • einfühlsam
  • sensibel
  • offen
  • gesellig
  • aufmerksam
  • angenehm
  • vertrauenserweckend
  • vermittelnd
  • friedliebend
  • verletzlich
  • konfliktscheu

Das motiviert Andrea

  • als Person wertgeschätzt zu werden
  • als Person wahrgenommen zu werden
  • ein guter Teamgeist
  • sich in den Dienst des Teams zu stellen
  • sich mit anderen verbunden zu fühlen
  • andere positiv zu bestätigen

Das blockiert Andrea

  • Vertrauensmissbrauch
  • Ablehnung
  • Mangelnde Wertschätzung ihrer Person
  • Als Person nicht wahrgenommen zu werden
  • „Bitchfight“
  • Unstimmigkeiten im Team/Disharmonie
  • Kritik (nimmt sie sehr persönlich)
  • Nein sagen zu müssen

Aussagen verraten das Motiv

Ein bisschen Freundschaft ist mir mehr wert als die Bewunderung der ganzen Welt. – Otto von Bismarck.

Athleten und Athletinnen geben dir als Trainer oft Hinweise, aus denen du schliessen kannst, woher ein Athlet seine Motivation nimmt oder was ihn frustriert.

Andrea machte beispielsweise die folgenden Aussagen

  • „Ich gehe gerne ins Training, weil ich dort mit meinen Freundinnen reden kann.“Das ist eine sehr typische Aussage für eine beziehungsmotivierte Athletin. Die Nähe und das harmonische Zusammensein befriedigen das unbewusste Beziehungsmotiv und geben die Energie für das Training. Fehlt eine der Freundinnen im Training, kann sich dies auch einmal negativ auf die Motivation auswirken. Dann bleibt das unbewusste Motiv unbefriedigt.
  • „Ich habe keine Lust zum Training, weil heute mein Freund Zeit hat.“In dieser Konstellation gerät das Training ganz schnell in den Hintergrund. Die Nähe zu ihrem Schatz bekommt dann die höchste Priorität. 😉
  • „Ich mag die Staffel, weil wir da gemeinsam etwas erreichen können.“Beziehungsmotivierte Athleten sind oft herausragende Staffelathleten, wenn sie im Dienst der Mannschaft stehen. Da schöpfen sie aus dem Vollen. Sie können einerseits unterstützen und sie sind gleichzeitig ein Teil vom Team. Das beflügelt.
  • „Ich fühle mich von meinem Trainer nicht wahrgenommen. Er mag mich sicher nicht.“Bei Athletinnen trifft das eher zu als bei Athleten. Wenn beziehungsmotivierte Athletinnen nicht wahrgenommen werden, hängt der Haussegen sehr schnell schief. Das kann mit massiven Leistungseinbussen einhergehen. Vor allem dann, wenn du als Trainer angehimmelt wirst. In diesen Situationen unternehmen sie alles, damit die Harmonie wieder hergestellt werden kann. Das kann mitunter nervig sein und als Klammern empfunden werden.

Natürlich habe ich das Ganze ein wenig vereinfacht dargestellt. Das Prinzip sollte jedoch klar sein. Oder?

Kraftquellen gezielt ansprechen

Kennst du die unbewussten Motive deiner Athleten, kannst du diese gezielt ansprechen. Die Zeiten von „one size fits all“ sind definitiv vorbei. Ich weiss, in der Theorie klingt es immer einfach. Die Umsetzung ist dann noch einmal eine andere Geschichte.

Wenn du weisst, dass du einen beziehungsmotivierten Athleten oder eine beziehungsmotivierte Athletin hast, dann solltest du schauen, dass dieses Motiv befriedigt wird.

Das kannst du einerseits verbal machen, indem du die Person wahrnimmst und deine Wertschätzung ausdrückst. Du erinnerst dich, die Leistung steht nicht im Vordergrund. Manchmal sind es einfache Dinge. Frag sie nach ihrem Befinden und zeige ihr, dass du sie wahrnimmst.

Lass sie gemeinsam mit einer Teamkollegin trainieren. Alleine trainieren ist nichts für beziehungsmotivierte Athleten. Damit tun sie sich schwer.

Spiel bei Wettkämpfen auf den Mann, respektive die Frau. Wenn du eine beziehungsmotivierte Athletin über die Person und nicht primär über die Leistungsschiene abholst, kann sich das sehr positiv auf die Leistung auswirken. Dann wachsen sie nicht nur in der Staffel über sich hinaus.

Eine herzliche Umarmung von dir oder einer ihrer Teamkolleginnen bewirkt manchmal Wunder.

Vor sich selber schützen

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Athleten mit einem stark ausgeprägten Beziehungsmotiv in den Dienst der Mannschaft und ihrer Kollegen stellen. Nein zu sagen gehört definitiv nicht zu ihren Stärken.

Das kann dazu führen, dass ihr Fokus manchmal in die falsche Richtung geht und die Bedürfnisse der anderen Vorrang haben. Als Trainer solltest du insbesondere in Wettkämpfen ein Auge darauf haben, dass sie sich und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund stellen – und nicht nur darum besorgt sind, dass es den anderen gut geht.

Das ist ein Entwicklungsfeld von beziehungsmotivierten Athletinnen. Ab und an braucht es diesbezüglich auch klare Ansagen und Leitplanken.

Fazit

Ein guter Teamgeist und eine gute Beziehung zum Trainer lassen beziehungsmotivierte Athleten zur Höchstform auflaufen.

Achte darauf, dass du bei der Ansprache nicht nur auf die Leistungsschiene fährst. Nicht bei jedem ist es das dominierende unbewusste Motiv. Auch wenn es im Leistungssport eine zentrale Rolle spielt.

Wenn du durch deine Ansprache das Motiv einer beziehungsmotivierten Athletin aktivierst, schöpft sie daraus Kraft und Energie. Dann wachsen Athletinnen wie Andrea auch ausserhalb von Staffelwettkämpfen und Teamwettkämpfen über sich hinaus.

Probiere es aus und lass mich wissen, ob sich etwas verändert hat.

Welche Erfahrungen hast du als Trainer (oder Athlet) mit beziehungsmotivierten Athleten gemacht?

Ich freue mich, wenn du mir diese als Nachricht hinterlässt.

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass jeder seine unbewussten Motive kennen sollte.