Entscheiden. Selbst entscheiden. Nein, damit sind sie überfordert. 15-jährige Athletinnen können das nicht. Das denkst du! Schliesslich hast du bisher alle wichtigen Entscheidungen für deine Tochter getroffen. Oder?

Darf ich fragen, weshalb? Ist sie mit 15 zu jung, um für sich selbst zu entscheiden?

Klar doch. Du möchtest, dass ihr nichts im Wege steht. Eine Entscheidung wäre für sie nur eine unnötige Belastung, die sie von ihrem Weg abringen könnte.

Das muss vermieden werden. Schliesslich ist sie für Höheres bestimmt.

Du hast absolut recht, deine 15-jährige Tochter kann nicht selbst entscheiden, denn:

1. Sie hat keine Lebenserfahrung

Wie sollte sie auch eine gute Entscheidung treffen. Mit 15 Jahren ist sie dazu gar nicht in der Lage. Sie ist viel zu jung, ihr fehlt die Lebenserfahrung und die Weitsicht. Deshalb hast du bisher alles für sie entschieden. Kein Wunder, dass sie sich schwertut mit Entscheidungen, wenn sie selbst nie etwas entscheiden durfte.

Wie soll sie deiner Meinung nach Erfahrungen sammeln, wenn nicht selbst?

2. Du weisst am besten, was gut für sie ist

Als Mutter kennst du deine Tochter so gut wie keine andere. Deshalb ist es nur logisch, dass du alle Entscheidungen für sie triffst. Du weisst am besten, was gut für sie ist. Du hast den Masterplan im Kopf und führst deine Tochter zielgerichtet auf deinem Weg an die Spitze.

Woher sollte sie auch wissen, was ihr guttut, wenn ihre Bedürfnisse gleich im Keim erstickt werden?

3. Sie weiss nicht, was sie will

Deine Tochter antwortet dir immer wieder mit „Ich weiss nicht.“ Das gibt dir den Freipass für oder über sie zu entscheiden. Womöglich sagt sie auch: „Entscheide du für mich.“

Woher soll sie wissen, was sie will, wenn ihre Bedürfnisse deinen Zielen untergeordnet werden?

4. Du legst ihr die Entscheidung in den Mund

„Glaubst du nicht, dass es besser für dich ist, wenn du den Verein wechselst?“ Mit Suggestivfragen leitest du die Entscheidungen deiner Tochter geschickt in deine gewünschte Richtung. Nur damit du hinterher sagen kannst, sie wollte das doch auch.

Wie fühlst du dich, wenn du auf die gleiche Art und Weise abgespeist wirst?

5. Sie braucht viel zu lange für eine Entscheidung

Genau! Wenn du ihr die Entscheidung überlässt, dann braucht sie viel zu lange. Weil du so ungeduldig bist, triffst du die Entscheidung gleich selbst für sie. Zeit ist Geld. 😉

Wie sollte sie Vertrauen in sich und ihre Entscheidungsfreude bekommen, wenn du sie bei der erstbesten Gelegenheit überfährst?

6. Du hast schon immer für sie entschieden

Du hast schon im Kindergarten für sie entschieden. Warum solltest du daran etwas ändern? In Entscheidungssituationen ist sie noch genauso unreif wie damals. Echt?

Wie soll sie denn reifen und entscheidungsfreudig werden, wenn du ihr nie Gelegenheit dazu gibst?

7. Du bezahlst

Ihre Karriere wird von dir finanziert. Klar, dann hast du auch Mitspracherecht. Oder besser formuliert: Du hast das alleinige Entscheidungsrecht. Wenn du schon so viele Opfer auf dich nimmst, dann darfst du erwarten, dass sie sich fügt.

Hast du dir schon einmal die Frage gestellt, was sie will?

8. Du hast schon viel investiert

Seit dem Kindergarten investierst du deine ganze Freizeit und dein Geld in die Entwicklung und Karriere deiner Tochter. Kurz vor dem Durchbruch musst du jetzt die richtigen Entscheidungen für sie treffen. Du überlässt nichts dem Zufall. Und sie will es ja genauso wie du!

Tatsächlich?

9. Du musst sie vor Fehlentscheidungen schützen

Bei einer Fehlentscheidung deiner Tochter könnte die Karriere in Gefahr sein. Sie könnte im Fahrplan in Rückstand geraten. Der Schaden für deine Tochter wäre gross. Fördergelder und der Kaderplatz würden verloren gehen. Im schlimmsten Fall droht sogar das Karrierenende.

Sind das deine Ängste oder die deiner Tochter?

10. Die Welt da draussen ist sehr gefährlich

Gefahren lauern überall. An jeder Ecke steht eine Falle für deine Tochter bereit. Davor musst du sie bewahren. Wenn sie selbst entscheidet, läuft sie auf direktem Weg ins Verderben.

Das muss vermieden werden. Wenn du entscheidest, dann kann nichts passieren. Halb so wild, dass sie dabei nichts lernt. Du bist ja ohnehin immer mit von der Partie.

Was tut sie, falls sie doch einmal auf sich alleine gestellt ist?

11. Sie muss dankbar sein

Schliesslich nimmst du ihr alle schwierigen Entscheidungen ab, leitest alles in die richtigen Bahnen und bewahrst sie vor Ungemach und Fehlentscheidungen. Dafür muss sie dir dankbar sein. Ohne dich und deine Entscheidungen wäre sie nie so weit gekommen.

Was denkst du, ist schlimmer?

  • Eine unmündige und unselbstständige Sportlerin, für die alles entschieden wird?
  • Eine Sportlerin, die selbst entscheidet und ab und an die Konsequenzen für ihre Entscheidungen tragen muss?

Selbstbestimmt und Weltklasse

Athletinnen, die selbst entscheiden und die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, erhöhen ihre Chancen auf Erfolg massiv.

Wenn du ihnen alle Entscheidungen abnimmst und sie sich nur in den vorgegebenen Strukturen bewegen dürfen, werden sie kaum ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen.

Sie werden immer das tun, was ihnen gesagt wird. Mitdenken oder kreative Lösungen finden gehören dann nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire.

Athletinnen, die nicht selbst denken und entscheiden dürfen, werden zu Lemmingen erzogen.

Top-Athleten entscheiden für sich und übernehmen die Verantwortung für ihr Handeln!

Fördern und fordern

Von Eltern- und Trainerseite macht es deshalb wenig Sinn, dass du deinen Athletinnen immer pfannenfertige Lösungen bietest.

Fördere und fordere deine Athletinnen in jeder Situation und altersgerecht.

Sie sind für sich selbst, ihre Entscheidungen und ihr Handeln verantwortlich.

Als Elternteil (und Trainer) bist du Vorbild und Führungsperson. Definiere die Ziele gemeinsam mit deiner Tochter, sei ein Vorbild und unterstütze sie dort, wo sie dich um deine Hilfe bittet. Du kannst sie nicht vor Fehlentscheidungen bewahren.

Eine Entscheidung kann für sie goldrichtig sein, selbst wenn du sie anders getroffen hättest.

Du musst nicht für alles die Verantwortung übernehmen.

Gib ihr den Raum und die Autonomie, dass sie ihre eigene Persönlichkeit entwickeln kann. Dann kann sie ihren Weg gehen und ihre Zukunft problemlos selbst bestimmen.

Deine Tochter kann nur zu einer selbstbestimmten Athletin reifen, wenn du ihren Entscheidungen vertraust. Sie weiss, was gut für sie ist.

Entscheidend ist, wer sie ist, was sie kann und wie sie ihre Möglichkeiten nutzen kann.

Nur wer vertraut, kann auch loslassen

Ich gebe es zu. In der Theorie klingt das einfacher als in der Praxis. Dennoch liegt der Schlüssel zum Erfolg im Vertrauen.

Vertraust du deiner Tochter, dann wird sie mutig Entscheidungen treffen.

Sie entscheidet aufgrund ihrer Erfahrungen. Und es gehört dazu, dass sie auch einmal auf die Schnauze fällt. Manche Dinge muss man selbst erfahren, damit man daraus lernen kann. Nicht?

Von deiner Seite braucht das viel Fingerspitzengefühl. Vor allem, weil bei Teenagern öfters einmal die Frage auftaucht: „Können die überhaupt denken?“ Können sie.

Bedenke jedoch, dass bei Teenies das Gehirn immer wieder wegen Umbau geschlossen ist. Von der Farbahnverengung bis zur Totalsperre wirst du dabei alles erleben.

Die Kinder- & Jugendpsychotherapeutin Julia Lange hat dazu einen super Artikel geschrieben. Diesen kann ich dir sehr empfehlen.

Fazit

15-jährige Athletinnen können sehr wohl gute Entscheidungen treffen, wenn du sie lässt!

Sie übernehmen die Verantwortung für ihr Handeln und ihre Entscheidungen. Und sie finden ihren Weg. Das kann manchmal anstrengend sein. 😉

Teenager sind noch keine Erwachsenen. Darum braucht es ein paar Leitplanken und Regeln, die nicht zur Debatte stehen (zum Beispiel Alkoholkonsum, grössere Kaufentscheidungen, Nachtruhe etc.)

  • Vertraue deiner Tochter.
  • Lass sie selbst entscheiden.
  • Unterstütze sie bei schwierigen Entscheidungen.
  • Unterstütze sie bei Entscheidungen, wenn sie dich darum bittet.
  • Definiere mit ihr die Ziele.
  • Gib ihr Raum für ihre persönliche Entwicklung.
  • Fördere ihre Autonomie.

Dann kann deine Tochter ihr volles Leistungspotenzial entfalten und ihre Möglichkeiten nutzen.

Welche der 11. Stichpunkte kommen dir bekannt vor?

Nutze auch du deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit dem Unbewussten im Boot alles ein wenig einfacher geht.

PPS: Und wenn du deiner Tochter vertraust, geht es noch besser.

 

 

​Autogenes Training: ​entspannt und leistungsfähig in 6 Schritten